Das gute Leben - oder: Worauf kommt es an?

„Unser großes und herrliches Meisterwerk ist: richtig zu leben. Alle anderen Dinge... sind höchstens nur Anhängsel und Beiwerke“ (Montaigne)

Seminar Wernberg
Was heißt: Gutes Leben? Dasselbe wie: Es uns gut gehen lassen? Der hat ́s gut, oder: Mir geht ́s gut? In dem Märchen „Das kalte Herz“ wird von einer geistigen Macht erzählt, die einem scheinbar alles verschafft, was zu einem guten Leben gehört: Anerkennung, Macht, Geld. Doch die Unruhe der so beschenkten Person verrät, dass es damit noch nicht getan sein kann. Dies ist die grundsätzliche Frage: Ist diese Person auch gut? Indem wir selber gut sind, führen wir ein gutes Leben, und nicht schon, wenn es uns gut geht.
Ein weiterer Maßstab für das gute Leben, so wird vermutet, ist das Glück. Aber auch hier ist zu bemerken, dass es nicht auf das Glücklichsein ankommt, sondern ob man des Glückes würdig ist. Im Zweifelsfall ist es besser, uns geht es schlecht, aber wir dürfen uns achten, als dass es uns gut geht, aber unsere Selbstachtung nehme Schaden. Den unzweifelhaft Guten ging es nie besonders gut. Man denke an Jesus, Sokrates, Mandela, Gandhi.
Worauf kommt es an? Letztlich gibt es hier keine Gewissheit, aber es gibt mächtige Gestalten und Vorbilder, die durch ihre Beispiele und Lebensgeschichten Winke und Hinweise geben, was darunter verstanden werden könnte. Erzählungen aus ihrem Leben geben uns zu denken. Das ist der eigentliche Sinn des philosophischen Nachdenkens. Es soll unser Denken in Bewegung setzen und die Einsicht befördern, dass es letztlich darauf ankommt, was und wer wir selber sind. Das weiß jeder, der in seinem Leben schon einen Ernstfall erlebt hat.
Damit hat die Philosophie die größte Verwandtschaft mit der Religion. Sie lässt uns ahnen was unser Menschsein und unsere Würde ausmacht.
Wittgenstein schreibt am Ende seines Tractatus: „Wir fühlen, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“
Wittgenstein schreibt am Ende seines Tractatus: „Wir fühlen, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“

Sokrates bemerkt in seiner Apologie:
„....du schämst dich nicht, dich darum zu kümmern, wie du zu möglichst viel Geld und wie zu Ehre und Ansehen kommst, doch um Vernunft und die Wahrheit und darum, dass du eine möglichst gute Seele hast, kümmerst und sorgst du dich nicht?“
Sokrates hatte kein Wissen, er bekannte „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Dieses Bekenntnis ist ernst zu nehmen. Genauso wie sein folgendes Bekenntnis, das die Summe seiner Haltungen und Überzeugungen ausmacht: „Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht leiden.“ Eine unglaubliche Provokation und doch tiefe Überzeugung all jener, die sich im Widerspruch zur Welt befunden haben.

Doch das gute Leben verlangt nicht nur, dass ich gerecht, aufrichtig bin oder mutig für meine Überzeugungen eintrete, sondern auch, in welcher Verfassung ich einem ungünstigen Schicksal widerstehe, wie ich mich in ihm bewähre, ob mich Unglück, das mich trifft, hadern und verzagen lässt. Was also einer hofft, oder worum sich einer sorgt, was jemand liebt oder hasst, wofür er Ohren oder Augen hat, was ihn beschäftigt, was ihm egal ist, nicht nur ob, sondern wie er sich für das Beste dieser Welt und darüber hinaus engagiert, wie er dem Bösen standhält, dem Schlechten widersteht. Alles das sind Hinweise dafür, ob es einer mit dem guten Leben ernst nimmt. Das gute Leben heißt, das Leben recht zu führen, damit es sich sehen lassen kann. Es gelingt in der Regel nicht von selbst, es muss geführt, bestanden, gemeistert werden, wenn es gelingen soll. Wir werden in diesen Tagen von denen lernen, die vorzüglich lebten. Durch ihre Beispiele und Erzählungen entwickeln wir den Sinn für ein gutes Leben. Sie legen uns die Spuren zu einer Lebenskönnerschaft.
Am Ende seiner Essay-Sammlung bekennt Montaigne, worauf es ihm letztlich ankommt: ...„seines eigenen Wesens redlich froh werden zu können.“ Doch er weiß: „Wir trachten nach einem anderen Los, weil wir das unsere nicht zu nutzen wissen, und wollen über uns hinaus, weil wir nicht begreifen, was in uns ist. Doch wir mögen noch so sehr auf Stelzen steigen, auch auf Stelzen müssen wir mit unseren Beinen gehen. Und auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir doch nur auf unserm Hintern.“

Philosophisches Seminar in Prag

12.-17. August 2014, Hotel Amarilis, im Herzen von Prag

Details zu Kosten und Terminen entnehmen Sie bitte dem Infofolder.

Das Rätsel Kafka - Mensch und Schriftsteller.

Mit Besuchen der Orte, die mit Kafka in Prag verbunden sind. Sie befinden sich dicht beieinander auf einer Fläche von 1 km2: Geburtshaus, Arbeitsstätten, Kaffeehäuser, Kafka Museum und sein Grab am jüdischen Friedhof

„Im Innersten zweifle ich daran ein Mensch zu sein“ „Ich kann Dir und niemandem begreiflich machen, wie es in mir ist.“

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

So beginnt Franz Kafkas 1925 posthum veröffentlichter Roman „Der Prozess“. Schon dieser Satz hat etwas von „skandalöser Aktualität“. Er erinnert an die kürzlich bekannt gewordenen systematischen Massenüberwachungen, die anonymisierte Gewalt der Geheimdienste, die Menschen in Totalverdacht und Schuldigsein versetzt. Die digitale Revolution unserer Tage hat eine „kafkaeske Form der Verrücktheit“ erzeugt. Misstrauen gegen alles und jeden ist die Folge. „Nur die Scham sollte ihn überleben“, heißt es am Ende des Romans „Der Prozess.“

Niemand hat die Allgegenwart von Überwachung, Kontrolle und das Vorhandensein von Autoritäten, die unsichtbar das eigene Leben bestimmen, eindringlicher beschrieben als Kafka. Kafkaesk ist zum Synonym für ein undurchschaubares, bedrohliches, komplexes modernes Leben geworden.

Wie nähert man sich diesem Außenseiter, Fremden, Einsamen, Asketen, Liebenden, diesen „Bürger einer anderen Welt?“

Der Mensch Kafka wird in seinen Tagebüchern und Briefen sichtbar, besonders den Briefen an Felice. Elias Canetti schreibt dazu:

„Ich habe diese Briefe mit einer Ergriffenheit gelesen, wie ich sie seit Jahren bei keinem literarischen Werk erlebt habe.“

Sie zeigen Kafka als einen Menschen voller Schuldbewusstsein, Unruhe und Selbstqual, aber auch einen Liebenden mit unglaublicher Selbsterkenntnis, Einfühlung und Verstehensgabe ausgestattet, der das Potential eines anderen Menschen aufzuspüren vermag. Er konnte Menschen idealisieren ohne ihre Schwächen zu vergessen.

Seinen Zeitgenossen blieb er Zeit seines Lebens fremd. Wer kam wirklich an ihn heran? Nicht einmal Max Brod, sein kongenialer Freund und Verleger.

Aber auch seine Werke blieben fremd. Wer vermag Erzählungen wie „Das Urteil“, „Die Verwandlung“, „In der Strafkolonie“, „Ein Landarzt“, „Ein Hungerkünstler“, wirklich zu verstehen und zu deuten? Kafka hat seine Werke niemals deuten wollen. Hier gilt es, den Rat von Walter Benjamin zu befolgen:

„Kafka verfügte über eine seltene Kraft, sich Gleichnisse zu schaffen. Trotzdem erschöpft er sich in dem, was deutbar ist, niemals, hat vielmehr alle erdenklichen Vorkehrungen gegen die Auslegung seiner Texte getroffen. Mit Umsicht, mit Behutsamkeit, mit Misstrauen muss man in ihrem Innern sich vorwärtstasten.“

Das wollen wir tun, und uns ansprechen lassen von der Rätselhaftigkeit, Unheimlichkeit und Fremdheit seiner Geschichten. Auch wenn wir sie nicht ausloten können oder sollen, sie erzählen uns etwas über unser Mensch sein, über die Abgründe, die Verwicklung in Schuld, Strafe, die Bemühung um Rechtfertigung und finden des eigenen Weges.

Kafka hatte die Fähigkeit, die ihn umgebenden Menschen und Ereignisse sowohl zu beobachten, als auch zu erleiden. Seine Krankheit ertrug er, war aber stets bemüht, ihr einen Sinn abzuringen. Die Tuberkulose hatte für ihn existentielle Bedeutung, der er sich unterwarf. Jede Krise hatte für ihn die Möglichkeit einer reinigenden Wirkung. Wir werden dem Phänomen nachgehen, das sich mit dem Wort „kafkaesk“ eingebürgert hat. Was meinen wir, wenn wir sagen kafkaesk? Und welche Lebenswirklichkeit des modernen Menschen ist davon betroffen?

In den Zürauer Aphorismen bemühte sich Kafka „über die letzten Dinge klar zu werden“: Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Entfremdung und Erlösung, Erkennntis, Rechtfertigung, Glück. In einem Aphorismus heißt es:

„Der wahre Weg geht über ein Drahtseil, das aber nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp über dem Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen als begangen zu werden.“

Das Dasein ist eine akrobatische Leistung, keiner weiß genau, was wirklich hilft, um sich im Leben zu bewähren. Wenn alle Sicherheiten wegfallen, dann bleiben artistische Übungen.

„Ja, ich bestehe aus Angst, und sie ist vielleicht mein Bestes.“

Für Kafka gibt es keinen festen Boden, unter den Füßen ist stets ein schwankendes Seil. Ohne Glaube, dem Guten, dem Gesetz, der Wahrheit geht es nicht, aber auch sie können keine Geborgenheit mehr vermitteln. Sie liegen in hoffnungsloser Ferne. Von dieser unerbittlichen Ferne handelt seine „Türhüter-Legende“ im Prozess. Er liest Kierkegaard, sein existentieller Ernst und seine radikale Aufwertung des Einzelnen imponieren ihm.

Kafka wollte wissen, worauf es im Leben, in seinem Leben ankommt, wo sein Ort war, wo er hingehörte, in dem Wirbel allgemeiner Auflösung: Die Deutung seiner eigenen Existenz. Wir werden uns seinen „Brief an den Vater“ ansehen, der eine der eindringlichsten Analysen von Macht, Demütigung und Abhängigkeit darstellt. Der Brief führt weit über sein eigenes individuelles Schicksal hinaus. Er ist eine erbarmungslose Abrechnung wie sie wohl noch kein Vater je empfangen hat.

Unübertroffen der Nachruf von Milena, veröffentlicht am 6.Juni1924, drei Tage nach dem Tod Kafkas:

„Nur wenige Menschen kannten ihn hier, denn er war ein Einzelgänger, ein wissender, von der Welt erschreckter Mensch…Seine Krankheit verlieh ihm eine fast unglaubliche Zartheit und eine fast grausame kompromisslose intellektuelle Verfeinerung….Er war scheu, ängstlich, sanft und gut, doch die Bücher, die er schrieb, sind grausam und schmerzhaft. Er sah die Welt voll unsichtbarer Dämonen, die den schutzlosen Menschen zerreißen und vernichten. Er war zu hellsichtig, zu weise, um leben zu können, zu schwach, um zu kämpfen, schwach wie es edle, schöne Menschen sind, die sich nicht darauf verstehen, den Kampf mit ihrer Angst vor Unverständnis, Ungüte, intellektueller Lüge aufzunehmen, da sie im voraus um ihre Hilflosigkeit wissen und im Unterliegen den Sieger beschämen. Er kannte die Menschen, wie sie nur ein Mensch von großer nervöser Sensibilität kennen kann, einer, der einsam ist und fast prophetisch den andern an einem einzigen Aufblitzen der Augen erkennt. Er kannte die Welt auf ungewöhnliche und tiefe Art, selbst war er eine ungewöhnliche und tiefe Welt…Er war ein Künstler und Mensch von derart feinfühligem Gewissen, dass er auch dorthin hörte, wo andere, taub, sich in Sicherheit wähnten.“

Philosophisches Seminar an der ligurischen Küste

17.-22. Juni 2014, Gästehaus am Wallfahrtsort Madonna di Soviore

Details zu Kosten und Terminen entnehmen Sie bitte dem Infofolder.

Also sprach Zarathustra. - Ein Buch für Alle und Keinen.

Nicht nur schließt Nietzsche sehr wichtige Werke wie die Morgenröte und Die fröhliche Wissenschaft in Ligurien ab, sondern er verfasst 1883 an der ligurischen Küste auch den ersten Teil seines späteren und umstrittenen Werks Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen.

So wird Nietzsche dieses Werk seinem Verleger beschreiben:
Es ist eine Dichtung, oder ein fünftes Evangelium oder irgendetwas, für das es noch keinen Namen gibt; bei weitem das Ernsteste und auch Heiterste meiner Erzeugnisse, und jedermann zugänglich. So glaube ich denn, dass es eine sofortige Wirkung tun wird.

Dabei ist die Rezeption des Zarathustra schon immer ambivalent gewesen: Nietzsches prophetischer Ton hat viele irritiert. Sind die Gedanken dieses Buches nur überspannte Erwartungen, Vorboten seines späteren Größenwahns? Oder liegt in den verrätselten Geschichten und Reden Zarathustras, in den dunklen, phantasievollen und abgründigen Passagen Nachdenkenswertes für unsereins?

Achtet auf jede Stunde, wo euer Geist in Gleichnissen reden will.

Es sind Gleichnisse, die mindestens so viel zeigen, wie sie verstecken: Nietzsche, der in seiner Korrespondenz Zarathustra als „seinen Sohn“ bezeichnete, dachte wohl: „Oft ist der Sohn der Verräther seines Vaters: dieser versteht sich selber besser, seit er seinen Sohn hat“ (FW, I, 9).

Kein Wunder also, dass sich im Zarathustra die wichtigsten Gedanken verbergen, zu denen Nietzsche gegen Ende seiner komplexen Denkwege und nach schmerzvollen Lebenserfahrungen gekommen ist: die erlösende Kraft des Ja-Sagens zum eigenen Leben; die Entblößung des erbärmlichen Nihilismus der modernen Menschen, die nur Geschäfte und Vergnügen kennen; die Sehnsucht nach einem (Über)menschen, der sich mit all dem trotzdem versöhnen kann, der „das grösste Schwergewicht“ auf sich nimmt und gleichzeitig die fröhlichste Leichtigkeit zeigt, indem er sich seinem Schicksal tanzend ergibt.

Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tänzer?