Über den Teufel und das Böse

August 2018

Über den Teufel und das Böse

Ist nicht die Moderne entschlossen, alles zu unternehmen und nichts zu unterlassen, um das Böse aus der Welt zu schaffen? Und ist sie nicht entschlossen, das Böse entweder zu bekämpfen – oder einzuschläfern und ruhig zu stellen? Nein, das Leiden der Unschuldigen, während die Rücksichtslosen und Unverschämten ihren Reibach machen, und die Ohnmacht des Guten, das zum Gespött des Bösen wird, sind Realität. Dagegen ist nichts zu tun. Fragt sich, wie sich damit leben lässt.

Ernst Bloch schreibt in seinem letzten Buch „Experimentum Mundi“: „Die riesige Gebietskategorie des Bösen ist eine der am wenigsten durchdachten, sie kommt fast nur adjektivisch vor und dann matt, so etwa in der Phrase vom blutbesudelten Hitlerregime.“ Die Moderne verharmlost die Realität des Bösen oder nimmt sie gar nicht zur Kenntnis. Konrad Lorenz sprach vom „sogenannten Bösen“, Erich Fromm von „menschlicher Destruktivität“ und  bringt damit das Böse zum Verschwinden.

Damit greift eine völlig andere Sichtweise platz: Das Böse wird zum Sekundärphänomen. Bei Arno Plack „Die Gesellschaft und das Böse“ ist das Böse nichts anderes als das Ergebnis einer triebbeschneidenden, kaputtmachenden Moral. Auch ein „verdünnter Spiritualismus“, der mit einem Kuschel-Gott agiert, und einer Wellness-Religion entspricht, hat keinen Begriff mehr vom Bösen.

Das Böse wird verniedlicht. Man spricht von Dysfunktionalitäten oder  bringt das Böse mit dem Begriff „Aggression“ zum Verschwinden. Eine „Entbösung des Bösen“ findet statt (Odo Marquard). Anstatt des Bösen gibt es nur noch missliche Umstände, die beseitigt werden müssen. Angesichts des Bösen hat es der Moderne die Sprache verschlagen. Für Marx ist das Böse nur noch Ausbeutung.

Aber das Böse bleibt, was immer es war und ist: Ungelöst. Es ist die große Kategorie der Sinnvernichtung, gegen die noch kein Kraut gewachsen ist.

Warum glaubt man nicht mehr an das Böse? Das Vorurteil der Moderne lautet, die Vormoderne hätte das Böse erfunden, um die Menschen zu malträtieren. Für das moderne Bewusstsein ist nicht das Böse ein Skandal, sondern das man ein Verhalten als böse skandalisiert hat.

Es existieren von alters her zwei Positionen, die ewig im Streit liegen. Die erste betrachtet das Böse als eigene Wirklichkeit. So haben die Manichäer und die Gnosis gedacht. Die zweite Position leugnet das Böse bzw. sieht im Bösen nur den Mangel des Guten.

Die Verleugnung und Verkleinerung des Bösen hat dem Bösen jedenfalls nicht seine Geschäfte gelegt. Im Gegenteil. Seine Tage sind nicht so schlecht.

„Von alters her wurde das Böse nicht als schwach gesehen“ schreibt Ernst Bloch in seinem Aufsatz „Aufklärung und Teufelsglaube“. Nur der beherzte Mensch konnte mit dem Bösen fertig werden, während der kluge es oft gar nicht bemerkt. Die Aufklärung leugnet das Dunkle, um weiterhin gläubig und optimistisch an ihrem Aufhellungsprozess festhalten zu können. Das Böse erscheint dann nur noch als ein Schönheitsfehler in einer sonst vollkommenen Welt. Für Bloch ist der Weltprozess offen, und angesichts des Weltzustandes sei Optimismus daher „schwachsinnig.“ Mit  Verharmlosung sind Phänomene wie der 30-jährige Krieg, Auschwitz oder die Greueltaten der IS-Krieger nicht zu erklären. Es gibt unglaubliche Grausamkeiten und Monströsitäten, unsägliche Arten und Weisen des Umkommens. Wirkt da nicht das Böse selbst? Das Böse kursiert auch, wenn man es nicht (und gerade dann) im Blick hat. Im Interesse des Bösen liegt es, sich selbst zu verharmlosen. Mephisto in Goethes Faust spielt alles herunter, was seine Person betrifft.

Charles Baudelaire: „Die schönste List des Teufels ist, dass er uns überzeugt, er existiere nicht.“ Das Böse will nicht erkannt werden. Wenn es nicht erkannt wird, dann entsteht daraus ein harmloses Menschenbild, das nur noch Aggressionen und Destruktionen kennt.

Wie wird man der Größe des Bösen gerecht? Alle großen Traditionen haben uns gelehrt, ein Bewusstsein für Grenzen zu entwickeln und unsere Wünsche und Bedürfnisse einzuschränken. Das Programm der Moderne dagegen lautet: Keine Wünsche aufschieben, kein Bedürfnis darf unter Verdacht geraten, die einzige Möglichkeit, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben. Denker wie Herbert Marcuse sprachen in diesem Zusammenhang vom „Totalitarismus der unmittelbaren Befriedigung.“ Das Geschäft des Teufels ist gerade nicht Zerstörung, er macht sich die menschlichen Interessen zunutze. Er vertritt die bürgerliche Normalität, indem er an unseren Egoismus appelliert, sich diesen zunutze macht und für die Bedienung unserer Wünsche zur Verfügung steht. Wilhelm Busch, der gereimte Schopenhauer drückte es auf seine Art und Weise aus: „Aufsteigend musst du dich bemühen. Doch ohne Mühe sinkest du. Der liebe Gott muss immer ziehen. Dem Teufel fällt`s von selber zu.“

Es soll nach unserer Lust und Laune, nach unseren Wünschen gehen. Der Teufel steht für eine Genussdemokratie, der es nur noch um Unterhaltung, Glück und Wohlfahrt geht. Er ist der Herr der Welt und der Herrscher über diese Welt. Der Teufel ist so rätselhaft wie das Böse. Beides kann nicht wegrationalisiert werden. Darum eignet sich die Metapher des Teufels gut dafür, dem Phänomen des Bösen näher zu kommen. Der Teufel scheint zum Inventar der Welt zu gehören. Er ist der Herr der Zeiten: Er ist das Modernste. Wer das Böse bekämpfen will sollte sich dieser Herrschaft bewusst sein. Es geht um nichts anderes als um einen Herrschaftswechsel: Der Herr der Welt, oder ein anderer?

Ich weiß, der Teufel ist unzeitgemäß, er ist vergessen. Aber Philosophen wie Max Scheler, Ernst Bloch, Denis de Rougemont unnd Leszek Kolakowski erinnern uns daran, dass das Widersacherische im Weltprozess gegenwärtig ist, dass beste Absichten immer wieder ins Gegenteil umschlagen.

Den Teufel findet man dort, wo die Moderne ihr modernstes Gesicht zeigt. Was ist das Kennzeichen der Moderne? Dass sie nur noch die Wirklichkeit kennt, wie sie ist. Dass sie die Verhältnisse, unter denen sie einzig zu leben glaubt, beherrschen will. Die Moderne steht für Freiheit. Freiheit finden alle gut, aber Freiheit ist nicht harmlos.

Thomas Mann bemerkt in einem Vortrag im Mai 1945: „Man hat den Eindruck, dass die Welt nicht die alleinige Schöpfung Gottes, sondern ein Gemeinschaftswerk ist mit jemand anders. Man möchte die gnadenvolle Tatsache, dass aus dem Bösen das Gute kommen kann, Gott zuschreiben. Dass aus dem Guten so oft das Böse kommt, ist offenbar der Beitrag des anderen. Wer dreht daran?“

Der eigentliche Trick des Teufels besteht darin, an das Gute in uns zu appellieren. Er ist der Pervertierer und Verdreher. Er weiß, dass wir uns um das Gute bemühen und ein gutes Bild abgeben wollen. Darum sucht er den Grund seiner Intervention in der Liebe zu Wahrheit, Gerechtigkeit, Tugend, Vaterland und Volk. Das war aber immer auch der Antrieb zu den schrecklichsten Verbrechen. Im Namen der Liebe und der Gerechtigkeit wird gefoltert, erniedrigt, versklavt und ermordet. Es gibt nichts Gutes, das nicht in ein Werkzeug des Verbrechens umgewandelt werden könnte. Unsere guten Seiten können mit Hass vergiftet werden. Die größten Verbrechen geschehen im Namen der Weltrettung. Gutmenschen betreiben die Werke des Teufels. Kolakowski: „Im Namen keiner Doktrin seien so viele Menschen hingemordet worden wie unter dem Prinzip, dass der Mensch von Natur aus gut sei.“

Welche Auswirkungen hat die Verharmlosung des Bösen? Wohin führt es, wenn das Böse nur noch als ein praktisches Problem begriffen wird, das es zu beseitigen gelte?

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