Montaigne – der Einzigartige und Unverwechselbare

April 2012

Nietzsche, der einen Philosophen danach bewertete, als er imstande ist, ein Beispiel zu geben, schrieb in seiner zweiten „Unzeitgemäßen Betrachtung“ über Montaigne:

„Dass ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust auf dieser Erde zu leben vermehrt worden. Mir wenigstens geht es seit dem Bekanntwerden mit dieser freiesten und kräftigsten Seele so, dass ich sagen muss, kaum habe ich einen Blick auf ihn geworfen, so ist mir ein Bein oder ein Flügel gewachsen. Mit ihm würde ich es halten, wenn die Aufgabe gestellt wäre, es sich auf der Erde heimisch zu machen“.

Wer war dieser Montaigne, der Nietzsche zu solchen begeisterten Aussagen reizte?

Montaigne lebte von 1533-1592 in Frankreich, das im 16. Jahrhundert tiefgreifender Umgestaltungen und Erschütterungen ausgesetzt war. Es war die Zeit der Religionskriege. Die Reformation brachte eine Glaubensspaltung hervor. Es war die Zeit der berüchtigten Bartholomäusnacht (1572), bei dem die Hugenotten im Pariser Louvre ermordet wurden.

Montaigne schrieb die Essais, eine literarische Form, die er erfand. Die Essais (es sind 63, die in drei Bücher unterteilt sind) kreisen um den Gedanken der Selbstdarstellung. Montaigne fragte sich: Was ist am Menschen das Menschliche? Wie sind die Menschen wirklich?  Wie bin ich, Michel de Montaigne, wirklich? Seine Methode ist die der Selbstbeobachtung. Sein einmaliger Stil  wird durch folgende Aussage von ihm deutlich:

„Ich rede mit dem Papier, wie mit dem ersten besten Menschen, der mir über den Weg läuft.“

Montaigne redet mit dem Leser. Dabei schreibt er nicht gelehrt, sondern so, wie er wirklich denkt. Seine beste Tugend ist die Ehrlichkeit. „Er ist einer, dem man seine Lebensweisheiten abnimmt, obwohl man, kämen sie von anderen, rebellisch würde“, bemerkt Mathias Greffrath in seinem Buch „Montaigne heute“. Er bezeichnet Montaigne als „eine Art Onkel, den er gern gehabt hätte“.

Ja, Montaigne ist einer, zu dem man geht, wenn man Probleme mit sich oder anderen hat. Ein Autor, den man nach wenigen Seiten duzt. Man kann seine Essais als ein Lehrbuch vom richtigen Leben bezeichnen. Damit reiht er sich ein als einer der Urväter der Philosophischen Praxis.

Er ist zweifellos der eigenwilligste unter allen Meistern der Lebensreflexion:

„Ich will hier nicht sagen, was in der Welt geschehen soll; das tun wohl genug andere: sondern was ich tue“.

Eine Devise von ihm ließe sich kurz so fassen: Nicht leben, wie philosophisch gedacht wird, sondern philosophisch denken, wie gelebt wird. An die Stelle einer -  noch für Epiktet beispielsweise – anweisenden Philosophie, tritt jetzt die Wachsamkeit und Aufmerksamkeit, die das Leben bedenkt. Sein Modus des Denkens ist die Nachdenklichkeit. Die Frage, die sich ihm stellt ist nicht: Was soll ich tun? sondern: Was tue ich?

Zur Probe des Lebens wird, ob es sich sehen lassen kann. Nicht ob ich tue, was ich denke, sondern ob ich (be)denke, was ich tue, ist die Entscheidung, die zu treffen ist:

„Im übrigen habe ich es mir zur Vorschrift gemacht, dass ich alles auszusprechen wage, was ich zu tun wage. Wer sich zur Pflicht machte, alles zu sagen, der würde sich zur Pflicht machen, nichts zu tun, was man zu verschweigen gezwungen ist“.

So greift Montaigne also die Tradition einer Philosophie als Lebenskunst-Lehre auf:

„Unser großes und herrliches Meisterwerk ist, richtig zu leben. Alle anderen Dinge…sind  höchstens nur Anhängsel und Beiwerke“.

Die Größe Montaignes besteht auch in seiner Vielfältigkeit. Er ist republikanischer Monarchist, christlicher Heide, Humanist mit Gottvertrauen, skeptischer Aufklärer, stoischer Epikuräer. Durch seine eigene Widersprüchlichkeit erkennt er die Widersprüchlichkeit an den Menschen. Der Gute ist eben nicht nur gut, der Eifersüchtige ist nicht nur eifersüchtig und der Böse ist nicht nur Böse.

Alle Menschen sind zusammengeflickt, als seien sie nicht aus derselben Werkstatt. Die Menschenkenntnis Montaignes besteht darin, die Menschen in ihrer Vielartigkeit zu erkennen.

Sein Verhältnis zur Religion drückte er so aus:

„Nicht meine Vernunft, meine Knie sind dazu da, sich zu beugen“. 

Er hatte eine besondere Beziehung zur Sinnlichkeit und Lust. Er beschrieb ohne Scham seine eigenen Schwächen und Krankheiten. Sich „splitternackt“ zu zeigen war sein Plan, wie er im Vorwort an den Leser schreibt.

Montaigne´s Denken ist an der Endlichkeit ausgerichtet:

„Wir müssen mit Zähnen und Krallen die Freuden des Lebens festhalten, die uns die Jahre, eine nach der anderen entreißen“.

Heute gibt es eine Vielzahl von Meinungen. Die Talk-Shows überfluten uns damit. Montaigne hatte auch über alle Fragen eine Meinung, diese ist aber stets so eigenwillig und eigenständig, sodass man ihn unter die unabhängigsten Denker, die je gelebt haben, einreihen kann. Und es lohnt sich wahrlich, ihm zuzuören. Von ihm nimmt man seine Meinung, die ohne Wissenschaftsanspruch ist, gerne zur Kenntnis:

„Ich habe die Wissenschaft höchstens beherbergt, nicht geheiratet“.

Mit seiner Wahrhaftigkeit macht sich Montaigne oft selbst herunter, doch Vorsicht: Er weiß, dass er seinen Gegenstand (sich selbst) versteht. Er hat genug Leben in sich, ist lebendig genug, um das zu tun.

Das letzte Ziel seiner Untersuchung ist:

„richtig zu leben“

Statt auf der Jagd nach dem Glück ist er auf der Jagd nach sich selbst.

Niemand hat sich je in sich so vertieft wie er. Bräuchte unsere Zeit der Orientierungslosigkeit nicht ein wenig von Montaigne´s Selbstorientierung?

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