Alle reden vom gute Leben - Was aber macht einen Menschen gut?

November 2017

Alle reden vom guten Leben – Was aber macht einen Menschen gut?

Kant schreibt in seiner Anthropologie, dass es dreier Lebensfähigkeiten bedarf, um ein gutes Leben führen zu können: Geschicklichkeit, um im Leben zurecht zu kommen (etwa mit 20 Jahren), Klugheit, um mit anderen Menschen zu seinem eigenen Vorteil umzugehen (mit 40) und Weisheit, die die Torheit der beiden ersten einzusehen habe (mit 60). Und er fügt hinzu: „Es ist schade, sterben zu müssen, wenn man gelernt hat, recht leben zu können.“

Jemand der es verstanden hat, gut zu leben, verdankt dies nicht nur seiner individuellen Verfassung, auch die Verfassung der Welt spielt dabei eine Rolle. Nicht jede Zeit ist für ein gutes Leben gleich günstig, schließlich ist „jedes Individuum auch Sohn (natürlich auch Tochter) seiner Zeit“, wie Hegel bemerkt.

Ist unsere Zeit dem guten Leben günstig? Der Weisheit, die nach Kant zu einem guten Leben dazugehört, eher nicht. An die Stelle des alten Weisen ist der clevere, smarte, flexible Unternehmer seiner selbst getreten, „das geländegängige Individuum“ (Ernst Bloch). Auch hat die Tugend, die Fähigkeit gut und vorbildlich zu sein, schwersten Schaden erlitten. Ein edler, selbstloser Mensch wird schnell unter Verdacht geraten. Ein französischer Aufklärer bemerkt etwas zugespitzt dazu: „Was wir Böses tun, bringt uns nicht soviel Hass ein, wie unsere Vorzüglichkeiten.“

Ein gerader Charakter ist unbequem. Tugenden erfordern Ehrfurcht und Bewunderung. Beides ist entweder unbequem oder nicht unterhaltsam. Aber, wie uns Nietzsche mit dem letzten Menschen vorführt, mag es der moderne Mensch gerne bequem und unterhaltsam.

Auch die Laster sind aus dem Blick geraten. Diese dürfen nicht mehr beim Namen genannt werden. Die einzigen Laster die heute noch übrig bleiben, sind Fremdenhass, Rassismus, Rechtsradikalismus und Frauenfeindlichkeit.

Ehemals aber waren Tugenden und Laster Orientierungspfeiler. Eine Idee des guten Lebens, die das aber noch wagt zu bedenken, ist heute schwer formulierbar.

Wie schon Adorno bemerkt, ist es schwer, eine Sache gegen den Zeitgeist zu verteidigen. Eine solche wäre aber die Idee des guten Lebens. Dies war immer Auftrag der Philosophie.

Was macht einen Menschen gut? Wie kommt die Tugend, das Vortreffliche, das Ausnehmende, zustande? Es gibt zwar keine allgemeinen Regeln für das gute Leben. Regelwissen scheint zwar nötig, ist aber nicht hinreichend.

Trotzdem hat jemand, der sich auf das gute Leben versteht,  einen Sinn für das Individuelle und unvergleichlich Richtige. Dieser aber muss entwickelt und kultiviert werden. Ein Beispiel aus der Musik mag das verdeutlichen. Beethoven hat einzelne Werke von Bach, Haydn und Mozart auf das genaueste studiert. Dann hat er begonnen zu komponieren. Was aber hat er daraus gemacht: Beethoven. Wer selbst gut werden will, muss sich an den Besten orientieren, an den leuchtenden Beispielen.

Das gute Leben bedarf der Klugheit. Diese ist notwendig, reicht aber nicht aus. Ein kluger Mensch bekommt in der Regel, was er sich wünscht, oder was er will. Er weiß, wie man Freunde gewinnt, seine erste Million macht, Kontakte knüpft und versteht sich auf die Regeln erfolgreicher Menschenführung. Lebensklugheit kann man heute in hunderten von Lebensratgebern nachlesen. Diese strotzen vor Lebensklugheit.

Ernst Bloch dazu: „Wird ein Kopf klug genannt, so meint das noch wenig. Es gibt kluge Betrüger, aber es hat noch nie einen weisen Betrüger gegeben. Eitles und Wendiges hat beim Weisen keinen Platz.“

Über die Klugheit hinaus geht jemand, der sein Leben führt und meistert, und das nicht irgendwie, sondern vorbildlich. Der das Beste, das in einem steckt, wahr macht, sodass sich sein Leben sehen lassen kann. Vor wem? Vor dem Nächsten? Vor der Masse? Das brächte Erfolg, daher wäre das klug. Aber Erfolg muss nicht gut sein.

Vor mir selbst? Das wäre die Stolzformel, aber schon einen Schritt weiter. Mein Gewissen führt Aufsicht über mein Leben. Ich behalte mir vor, von wem ich anerkannt werden will. Ich halte mich an mir selbst und bin dabei mein strengster Zuschauer. Das zugehörige Ethos lautet: Die anderen mögen sich in mir täuschen, ich nicht. Ich stehe gerade, für mich und was ich tue.

Vor Gott? Aber diese Frage wäre eher für die Restfrommen unter uns gedacht.

Weisheit ist keine Klugheit. Sie ist eine Haltung. Der Mensch, der versteht, gut zu leben, weiß auch nicht, was auf ihn zukommt, aber er sagt, ich werde es meistern. Das Leben ist kein Gegenstand des Wissens, nur Einzelnes kann man wissen. Wie kann sich dann Weisheit entwickeln? In der Schule der Weisheit hört man Geschichten. Sie handeln von der Einzigartigkeit von Menschen, die einen Sinn für das unvergleichlich Richtige entwickelt haben, die sich auf Gerechtigkeit, Gelassenheit, Würde verstehen, die in der Not und im Schicksalsschlag fest bleiben und nicht außer Rand und Band geraten, die es verstehen, die Geister zu unterscheiden. Eine solche Weisheit ist gelebt Wahrheit.

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