Gewalt im Namen Gottes

June 2017

Sind die monotheistischen Religionen in sich gewalttätig?  Die Frage nach dem Zusammenhang von Religion und Gewalt ist sicherlich eine komplexe. In der Bibel wie im Koran werden Gewaltakte, Aufforderungen zur Tötung Ungläubiger und zum Genozid geschildert. Menschen machen sich zum Sprachrohr Gottes und maßen sich an, in seinem Namen zu handeln. Damals wie heute. Tatsache ist: Mit den monotheistischen Religionen ist eine bestimmte Form von Gewalt in die Welt gekommen: „Die Gewalt im Namen Gottes“ (Jan Assmann). Für Assmann ist diese Gewalt aber keine logische Konsequenz, die früher oder später eintreten muss, sondern eine angelegte Möglichkeit. Warum machen sich „Gläubige“ bis heute zum Sprachrohr oder zum Schwert Gottes? Liegt es im absoluten Wahrheitsanspruch der monotheistischen Religionen, der „das Gefühl der Unvereinbarkeit unter bestimmten Umständen in Intoleranz, und Intoleranz in Gewalt umschlagen“ lässt? Für Assmann liegt darin „das Risiko bestimmter Religionen.“ Ist es möglich, die eigene Religion zu praktizieren, als auch die anderen Religionen in ihrem Wahrheitsbezug anzuerkennen und zu respektieren? Das wäre der Versuch, den Lessing mit seiner Ringparabel „Nathan der Weise“ unternommen hat. Wann und warum schlägt Religion in Gewalt um? Wie geht man mit der absoluten Intoleranz um? Wie kann eine Zivilisierung der Religionen geleistet werden? Hat die Faszination gerade von jungen Menschen, die sich im Extremfall den Gewaltpraktiken des IS anschließen, etwas mit dem Sinn – und Orientierungsvakuum der westlichen Gesellschaften zu tun? Auch die nicht gern gehörte Frage sei gestellt, ob der Islam der Idee eines freiheitlich säkularen Rechtsstaates, wie er sich im Westen ausgebildet hat, nicht von Grund auf widerspreche (Martin Rhonheimer). Natürlich kann die Frage nach der Gewalt in den Religionen auch umgedreht werden, indem auf den humanisierenden Beitrag zur Überwindung von Gewalt hingewiesen wird, der zweifellos in den Religionen steckt. Der emeritierte Papst Benedikt hat in seinem Gespräch mit Jürgen Habermas von den „Pathologien in der Religion“ und den „Pathologien der Vernunft“ gesprochen. Beide Pathologien seien demnach gefährlich. Einerseits müsse sich die Religion immer wieder von der Vernunft „reinigen und ordnen lassen“, andererseits bedrohe uns die Hybris der Vernunft mit der Atombombe oder dem Missbrauch des Menschen als Produkt. Benedikt empfiehlt daher eine „Synthese von Glauben und Vernunft.“ In jüngster Zeit versuchte Papst Franziskus mit seiner Botschaft der Barmherzigkeit Impulse für eine Verständigung zwischen den Religionen zu geben. Letztlich sind es nicht Religionen, die töten, sondern es sind Menschen, die mit Religion ihre Gewalttaten legitimieren. „Nicht Religionen stiften Frieden, sondern Menschen – Menschen, die auf Gott vertrauen.“

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