"Was ist los mit dir, Europa?"

August 2016

„Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit? Was ist mit dir los, du Heimat von Dichtern, Philosophen Künstlern, Musikern und Literaten? Was ist mit dir los, Europa, du Mutter von Völkern und Nationen, Mutter großer Männer und Frauen, die die Würde ihrer Brüder und Schwestern zu verteidigen und dafür ihr Leben hinzugeben wussten?

 

( aus der Ansprache des Papstes anlässlich der Verleihung des Karlspreises am 6. Mai 2016).

 

Europa ist ein zerrissener Kontinent. Nach der Brexit- Entscheidung mehr denn je. Die Frage nach seiner Identität, seiner geistigen Einigung wird immer dringender. Aber wo ist diese zu finden? Wo ist das europäische Bewusstsein zu finden? Historiker meinen, es läge in der „Einheit in Vielfalt“. Die Vielfalt kann auf der Stufe der Nationen gefunden werden, allerdings nicht die Einheit. Um eine Ahnung von dieser Einheit zu bekommen, muss man in vornationale Zeiten schauen, zu den Anfängen des christlichen Abendlandes. Auch Nichtkatholiken wird bei einem Blick in die Geschichte sehr schnell klar werden, dass lange Zeit im Abendland die Päpste als einzige Autorität von einer Vielzahl von Völkern anerkannt waren. Was keinem Kaiser oder König möglich gewesen ist, wurde unter dem Papsttum einige Zeit möglich: die Einheit in Vielfalt zeigte sich im vormodernen Europa.

Wie könnte heute eine „Einheit in Vielfalt“ aussehen, die für Europa zu einer Überlebensfrage zu werden scheint? Wie könnte sich das alte Europa wieder aufrichten zu einem Neuanfang, der von EU-Vertretern beschworen wird? Dazu muss man sich ansehen, was denn hinter der Idee des christlichen Abendlandes eigentlich steht, was die Seele Europas ausmacht. Die Seele Europas besteht sicherlich nicht im Denken in Nützlichkeitskategorien, welche uns verleiten, unseren Egoismen nachzugeben und bestimmte Zäune zu errichten. Auch wer Europa auf den ökonomischen Vorteil reduziert, wer ein rein instrumentelles Verhältnis zu diesem Kontinent hat - was sich besonders in der Finanzkrise zeigte, wo Europas Politiker rein utilitaristische dachten und handelten -  wird diesem Europa nicht gerecht. Auch der Euro hat mit der Idee und dem Fundament Europas nichts zu tun. Europa ist mehr als wirtschaftlicher Nutzen. Es war einmal die Rede von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit für alle, von kultureller Vielfalt, von Bereitschaft zu Integration und Dialog. Die Auseinandersetzung mit der christlichen Religion hat nicht zuletzt zu einem Humanismus geführt, der Europa befähigen sollte, diese Werte umzusetzen. Die europäische Identität ist eine multikulturelle, damit sollten wir die kulturelle Integration der vielen Flüchtlinge bewältigen. Zur Dialogfähigkeit schreibt Papst Franziskus:

„Die Kultur des Dialogs impliziert einen echten Lernprozess sowie eine Askese, die uns hilft, den Anderen als ebenbürtigen Gesprächspartner anzuerkennen, und die uns erlaubt, den Fremden, den Migranten, den Angehörigen einer anderen Kultur als Subjekt zu betrachten, dem man als anerkannten und geschätzten gegenüber zuhört.“

 

Zu einer Wiederbelebung der europäischen Idee und Identität bedarf es der Erinnerung an den europäischen Humanismus. Dazu ist es notwendig, ein wenig von der Gegenwart Abstand zu nehmen, um der Stimme unserer Vorfahren zu lauschen.

Navid Kermani schreibt zur Beseelung Europas:

 

Wir sollten nicht mehr auf die hören, die auch jetzt wieder gegen erhabene Reden polemisieren, weil sie selbst nur so klein denken wie David Cameron. Er wollte von großen Visionen nichts mehr hören.

Europa kann auch in Zukunft eine Verheißung sein.“

 

Dazu braucht es aber „Gedächtnis, Mut und eine gesunde menschliche Zukunftsvision“ (Papst Franziskus).

 

 

zurück zur Liste