Worauf es ankommt

April 2016

„Unser großes und herrliches Meisterwerk ist: richtig leben. Alle anderen Dinge, Herrschen, Schätzesammeln, Bauen, sind höchstens nur Anhängsel und Beiwerke“ (Montaigne)

 

Fürwahr kann Montaigne als einer der Ahnen Philosophischer Praxis erklärt werden. An die Stelle einer anweisenden Philosophie tritt bei ihm die Wachsamkeit und Aufmerksamkeit, die das Leben bedenkt. Es ist der Modus der Nachdenklichkeit. Die Frage von eigentlich praktischem Belang ist darum bei Montaigne nicht etwa: Was soll ich tun?, sondern: Was tue ich? Das Ziel Montaignes ist, jemanden mit sich selbst und seiner Weise zu leben bekannt zu machen. Zur Probe des Lebens wird, ob es sich sehen lassen kann. Nicht ob ich tue, was ich denke, sondern ob ich denken darf, was ich tue, ist die Entscheidung, die zu treffen ist.

Montaigne greift einerseits die Tradition einer Philosophie als Lebenskunst-Lehre auf, andererseits ist das Leben und Scheitern des Menschen das Erste, und das Bedenken und Reflektieren dieses Lebens das Zweite. Auch die Philosophische Praxis ist nicht befugt jemandem zu sagen, wie er zu leben habe, aber gefordert, ihn mit sich selbst und seiner Weise zu leben bekanntzumachen, ihn über sich aufzuklären, soweit dies möglich ist.

Montaigne kommt in seinen Essays vom kleinsten Detail zu den großen Fragen, weshalb er aufmerksam auf das Kleinste ist. Er ist einer, zu dem man gehen kann, wenn man Probleme mit sich und anderen hat, einer, dem man seine Lebensweisheiten abnimmt, weil er das Genie der Leichtigkeit ist. Nietzsche schreibt über ihn: „Dass ein solcher Mensch geschrieben hat, dadurch ist wahrlich die Lust auf dieser Erde vermehrt worden… Mit dieser freiesten und kräftigsten Seele würde ich es halten, wenn die Aufgabe gestellt wäre, es sich auf der Erde heimisch zu machen.“

Am Ende seiner Essaysammlung beantwortet er, worauf es letztlich ankommt:

„Seines eigenen Wesens redlich froh werden zu können.“ Doch er weiß: „Wir trachten nach einem anderen Los, weil wir das unsere nicht zu nutzen wissen, und wir wollen über uns hinaus, weil wir nicht begreifen, was in uns ist. Doch wir mögen noch so sehr auf Stelzen steigen, auch auf Stelzen müssen wir mit unsern Beinen gehen. Und auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir doch nur auf unserm Hintern.“

So hat er geschrieben, dieser Mensch, der von sich sagte: „Ich lehre nicht, ich erzähle. Ich rede mit dem Papier wie mit dem ersten besten, der mir über den Weg läuft.“

Montaigne schreibt, als ob er spräche. Wenn man ihn liest, hört man ihn nach einiger Zeit sprechen. Er hat genügend Leben in sich, ist lebendig genug, um das zu tun. Auch wenn er sich selbst heruntermacht, ist Vorsicht geboten. Er weiß, dass er seinen Gegenstand (sich selbst) versteht. Selbst wenn er sich widerspricht ist er wahrhaftig. Seine Selbstironie und seine Bescheidenheit verbergen seine Hauptabsicht: Sich selbst zu erforschen. Worauf es ihm ankommt: Richtig zu leben.

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