Der Tod und der Humor

November 2015

„Es sitzt ein Vogel auf dem Leim, er flattert sehr und kann nicht heim.

Ein schwarzer Kater schleicht herzu, die Krallen scharf, die Augen gluh.

Am Baum hinauf und immer höher kommt er dem armen Vogel näher.

Der Vogel denkt: Weil das so ist und weil mich doch der Kater frisst,

So will ich keine Zeit verlieren, will noch ein wenig quinquilieren

Und lustig pfeifen wie zuvor. Der Vogel scheint mir, hat Humor.

 

Dieses Gedicht von Wilhelm Busch könnte als ein Beispiel für den Galgenhumor stehen, der sich angesichts des Todes breitmacht.  Der Humor hat nicht nur die gute Stimmung oder die gute Laune, sondern stets auch die dunkle Seite der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit mit im Blick. Der Tod mahnt uns an unsere endliche Existenz, macht uns klar, dass unser Leben nicht alles ist. Unser Leben ist relativ. Und mit ihm alles, was uns tagein tagaus in Atem hält, uns Sorgen macht, in Widrigkeiten und Verstrickungen verheddert, uns Zukunftspläne schmieden und unseren Erfolg genießen lässt. Unser ganzes Leben steht auf Abruf ist nicht das Ganze, als das es uns erscheint. Diese Lehre, die uns der Tod erteilt, hat der Humor begriffen.

Er sieht das vermeintlich Ganze aus Distanz und weiß, dass es mit den Dingen dieser Welt nicht soweit her ist, wie sie uns gewöhnlich scheinen. Die Welt verleitet uns, uns in Illusionen einzurichten. Der Humor erspart den Aufwand, sich etwas vorzumachen. Er ist Organ für alles Widersprüchliche, Endliche und Vergängliche.

Er sieht die Welt tragisch und komisch zugleich: Ein tragikomisches Gesamtkunstwerk. Komisch sind die Rufe und Kommandos der Eliten, egal ob in Politik oder Wirtschaft, die beteuern und wüssten, wo und wie es lang geht, und was daher zu tun und zu lassen wäre. Dazu der Philosoph Henri Bergson:

„Der Mensch ist nicht nur das einzige unter den Tieren, das lachen kann, er ist auch das einzige, das zum Lachen ist.“

 

Also: Humor hilft, das große Theater in der Welt zu durchschauen und nicht zu vergessen, dass es ganz ohne Tragik nicht abläuft, wie unsere Vergänglichkeit zeigt.

Wer das Leben versteht, der sieht sein Leben eben auch im Bewusstsein der Endlichkeit, denn die Erfahrung der Vergänglichkeit ist die Erfahrung auf die es ankommt. Und wie wäre hier der Anfang zu machen? Vielleicht mit dem Ur-Aufruf der Philosophen: „Besinne dich“. Die Aufgabe wäre, zu Erwachen aus erwünschter Selbstbetäubung, und das Abschütteln unserer Verschlafenheit. Dazu gehört Mut und Humor, sehen zu wollen, was unser Fall ist und wie es um uns bestellt ist.

Resignation, das Ende aller Illusionen braucht es dazu allemal. Nicht mehr zu glauben, es müssten alle Möglichkeiten ausgeschöpft und alle Wünsche erfüllt werden. Stattdessen eine zarte und klare Heiterkeit entwickeln angesichts des Unvermeidlichen. Denn: „Resignation ist die sublimste Rache am Schicksals.“ In der nicht verleugneten Ohnmacht wächst die Stärke, dem Schicksal standzuhalten.

 

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