Von der Theorie zur Erzählung

August 2015

Die abendländische Geschichte wurde als Weg „vom Mythos zum Logos“ beschrieben. Damit verbunden war die Hoffung, von den vielen Mythen, die für den Glauben standen, zu einem Logos zu kommen, der die wissende Aufklärung ausdrückte. Der Logos steht auch für eine Vernunft, die Fortschritt, Erkenntnis und Autonomie auf den Weg bringen, und die Natur beherrschen sollte. Die Philosophie hat kräftig an dieser Beförderung mitgewirkt. Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Spätestens seit der Romantik und vollends seit Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ wissen wir, dass die Vernunft auch unvernünftig, entfremdend und verdinglichend wirken kann. Theorien können uns Menschen und die Natur in gewisser weise erklären, aber verhindert geradezu, sie zu verstehen. Wissenschaftliches Denken redet über die Welt, aber nicht mit ihr. Theorien verallgemeinern und reduzieren die Vielfalt, arbeiten mit Methoden und Schemata, die der Wirklichkeit nicht gerecht werden. Theorien machen blind, sie sind „Übereilungen des Verstandes“ (Goethe). Darum muss praktische Philosophie, die den Menschen verstehen will, und mit der Welt wieder ins Gespräch kommen will, von der Theorie zur Erzählung kommen. Mythos ist letztendlich Dichtung und Literatur. Diese will den anderen Menschen als den erkennen, der er ist. Aufgabe von Mythen, aber auch Romanen und Erzählungen ist es, auf Details, aufs Einzelne aufmerksam zu machen. Während Theorien oft unsere Erwartungen unterstützen, erschüttern Geschichten oft unsere Erwartungen und Vorurteile. Gerade in Lebensfragen gibt es keine verbindlichen Wahrheiten, daher geht es nicht um allgemeine Antworten, sondern um die Berücksichtigung des einzelnen Individuums. Menschen wollen nicht Bestandteil einer Theorie sein, sondern verstanden werden. Um ihnen näher zu kommen eignet sich eine erzählende Beschreibung besser als jede Theorie, weil diese viele Lebensbilder und Perspektiven einnehmen kann. Allgemeine Ansichten über den Menschen greifen zu kurz, man muss differente Weltbilder im Kopf haben, Konkurrenzgeschichten erzählen können, die für die jeweilige Lebenssituation lebensdienlich sind. Daher ist Philosophie, die dem Leben dient, die Schwester der Literatur, und nicht der Wissenschaft.

Was ist die angemessene Art und Weise, an die Welt heranzugehen? Lassen wir uns die Welt von den Wissenschaften, von der Psychologie, von den Religionen, oder von der akademischen Philosophie erklären? Für die Romantik ist uns die Welt durch die Entzauberung abhanden gekommen. Sie sagt uns nichts mehr. Goethe sprach von der „versiegenden Stimme der Natur.“ Die Bemühungen der Romantik richteten sich gegen eine zu aufklärende Welt, die Natur beherrschen will. Dialektisch werden wir durch die Naturbeherrschung selbst zu Sklaven unserer eigenen Naturbeherrschung. (Dialektik der Aufklärung). Die Mythen, die Literatur, die Erzählungen können uns helfen, die Natur nicht nur als Ressource oder Materialsammlung zu sehen, sondern eine Haltung der Ehrfurcht und des Respektes zu entwickeln. Mit einer solchen Haltung könnte die Welt für uns wieder zu singen anheben, weil wir dann ihr Zauberwort wieder treffen und verstehen (Eichendorff).

 

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