Die Ich-Neurose

July 2015

Unlängst war in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ folgendes zu lesen:

„Wenn es der Zeitgeist je geschafft hat, in einem einzigen Satz unterzukommen, dann in diesem Werbespruch: „Unterm Strich zähl ich.“ Das moderne Ich ist die Sonne, um die alles kreist. Sie strahlt aus sich selbst, sie braucht nur sich selbst und fällt niemandem zur Last. In der Egoshooter-Gesellschaft kreist jeder um seine eigene Umlaufbahn, und was die isolierten Bürger verbindet, das sind ihre gegensätzlichen Interesse.“

Die Auswirkungen einer Ichbezogenheit kann man heute in einer chaotisch verworrenen Weltlage sehen, in der sich alle gegen alle mit äußerster Macht und Brutalität bekämpfen. Man kann sie aber auch am Einzelkämpfertum sehen, an den hochindividualisierten Individuen, die ihr eigenes Leben und die Welt nur von ihrem eigenen Standpunkt aus betrachten.

Mit der Selbstverhaftung ist eine der bewegendsten Fragen der Philosophie angesprochen. Schon für Sokrates bestand die Vernunft darin, über dem eigenen Egoismus hinauszuwachsen, nicht nur zu fragen, was ist das Beste für mich, sondern was verlangt der andere und die Situation. Das der Mensch in der Regel alles auf sich bezieht, war auch schon die Kernthese von Schopenhauer. Sein principium individuationis besagt, dass unser Wesen eng mit dem Egoismus verbunden ist. Das Kleben an sich selbst, an seinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen hat aber im Lebensvollzug fatale Auswirkungen. Es führt zu einer Verzerrung der Weltsicht und dazu, dass uns die wirklich wichtigen Fragen, auf die es ankommt, nicht mehr zu Bewusstsein kommen.

Dazu kommt, dass unser modernes Gesellschaftssystem mit der Selbstbezogenheit der Menschen arbeitet. Jeder gegen jeden, das unterstützt das System, damit ist man bestens angepasst. Für die Stoiker bedeutete die Selbstverhaftung auch Sklave seiner selbst zu sein. Psychiater wissen überdies, dass die gesteigerte Selbstverhaftung zu Depressionen führen kann.

Wir sind von Geburt an Egoisten. Sich zum Menschen zu entwickeln würde heißen, sich mit den Augen eines anderen zu sehen. Oder mit den Worten Hegels: „Im anderen bei sich selbst sein.“ Es geht also um das Annehmen eines anderen Blickes, einer anderen Sichtweise. Die Menschen und Dinge anders sehen. Das Bewusstsein dorthin lenken, wo unsere Aufmerksamkeit nicht ist. Selbst zu entscheiden, wie wir über etwas zu denken haben, und worüber nachzudenken sich lohnt.

Ein schönes Beispiel dafür, dass wir über das, wovon wir abhängen, normalerweise nicht nachdenken, bringt David Foster Wallace zu Beginn seiner Rede, die er 2005 vor College-Absolventen hielt :

„Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: „Was zum Teufel ist Wasser?“

Vielleicht sollten wir wieder über „unser“ Wasser staunen, das uns ermöglicht zu sein. Wallace nennt das „bewusst und erwachsen leben.“

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