Heilig oder nüchtern - Zur Logik der Religionen und der Aufklärung

April 2015

„Die höchste Kultur aber, welche diesen letzten Zeiten gegönnt sein möge, erwiese sich wohl darin, dass alles Würdige, dem Menschen eigentlich Werte, in verschiedenen Formen nebeneinander müsse bestehen können, und das daher verschiedene Denkweisen, ohne sich verdrängen zu wollen in einer und derselben Region ruhig nebeneinander fortwandelten.“ (Goethe)

 

Es hat sich als Irrtum herausgestellt, zu glauben, dass die Religionen auf dem Rückzug sind. Sie sind zurückgekehrt. Leider nicht nur in zivilisierter Frömmigkeit. Mit  der Wiederkehr der Religionen sind viele fundamental auftretende religionskritische Schriften auf den Markt gekommen, die Religion als Gift bezeichnen. Man könnte annehmen, die Säkularisierung sei auf dem Rückzug, wie einstmals die Religionen, wenn man den missionarischen Eifer der neuen Atheisten beobachtet, mit dem sie die Religionen bekämpfen.

Eifer also auf beiden Seiten. Peter Sloterdijk beschreibt in seinem Buch „Gottes Eifer“ den Kampf und Konflikt zwischen den drei monotheistischen Religionen, der sich aus dem jeweiligen Wahrheitsanspruch ergibt. Die Hoffnung der Aufklärung bestand darin, die drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam zu versöhnen. Programmatisch dafür steht Lessing mit seiner Ringparabel. Aber er musste von der Wahrheitsfrage absehen und auf die Wirkung der jeweiligen Religion auf die Menschen hinweisen. Der Konflikt und die Wahrheitsfrage wurden damit nicht gelöst, sondern nur verschoben. Die Logik der weiteren Aufklärung bestand darin, alle drei Ringe (alle drei Weltreligionen) einzuschmelzen und einen neuen Ring daraus zu machen: Die Vernunft der Aufklärung wurde zur neuen Religion. Die Göttin Vernunft zum neuen Monotheismus.

Die Aufklärung des Westens als neue monotheistische Religion? Das scheint paradox. Die jüngsten Beispiele eines missionarischen Atheismus und einer Meinungsfreiheit, die als heiliges Symbol unserer Kultur gesehen wird machen es plausibel: Auch unsere atheistische Aufklärung kann eine intolerante Religion sein.

Liegt damit der eigentliche Konflikt nicht nur zwischen den Religionen, sondern auch und vor allem zwischen einer militanten Aufklärung, die mit einer Verabsolutierung der freien Meinungsäußerung und mit dem Pochen auf Gesetz, Rechtsstaat und Marktgegebenheiten daherkommt? Und ist dieser  aufgeklärte Fundamentalismus nicht mindestens so gefährlich wie eine fanatische Religion, ja vielleicht sogar noch gefährlicher, wenn man bedenkt, das dieser keine Gnade kennt, wie man an den unseligen Ideologien des 20. Jahrhunderts sehen konnte? Heute besteht der Konflikt in folgendem: „Die Spaßgesellschaft, die nichts mehr ernst nimmt und der nichts mehr heilig ist, stößt auf heiligen Ernst, der keinen Spaß versteht und der sie für gottlos und dekadent hält.“ (Isensee).

Um mit den Konflikten zwischen den Religionen und zwischen Religionen und Aufklärung umgehen zu können, muss man die jeweiligen Licht – und Schattenseiten sehen lernen. Das wäre Aufklärung im besten Sinne.

 

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