Die Krise des Menschen

February 2015

Alles scheint heute in der Krise zu sein: Die Wirtschaft, die ihre Fortschrittshoffnung nicht mehr erfüllen kann. Die Politik, die sich einer verwirrten und chaotischen Welt gegenübersieht. Das Finanzsystem, das sich nur noch um sich selber dreht. Die Beziehungen, in denen sich sowohl Frauen als auch Männer immer öfter in einer „unheimlichen Unabhängigkeit“ gefangen sehen. Der einzelne Mensch, der sich, total befreit, der Parole der Selbstoptimierung unterworfen hat, zugleich aber verloren und  überfordert fühlt. Noch einmal der einzelne Mensch, der sein Leben als Geschenk an sich selbst betrachtet, mit dem er dann konsequenterweise nach Belieben verfährt, und sich aus allen unhintergehbaren Bindungen, wie Erbgut, Familie, Geschlecht, herauslöst.

Natürlich, Krisen gab es immer. Die Welt war immer „eine absurde Welt“, wie Albert Camus bemerkte. Hören wir ihn weiter:

„Das war (Die Krisen) gewiss nichts Neues. Andere Generationen in anderen Ländern hatten dieselbe Erfahrung in anderen Perioden der Geschichte gemacht. Neu war nur die Tatsache, dass Menschen, die allen Wertsetzungen entfremdet waren, persönlich Stellung nehmen sollten zu der Wirklichkeit des Mordes und des Terrors.“

Camus äußerte dies 1946 in einem Vortrag. Der Mensch soll Stellung nehmen zu allen Krisenerscheinungen, was er aber, nach Camus, nicht kann. Der Mensch kann mit den Krisen nicht angemessen umgehen. Warum nicht? Weil der Mensch ohne Leitung von Wertungen mit sich selbst im Widerspruch steht: Das Elend geht durch den Menschen hindurch. Es handelt sich um „eine Krise des menschlichen Bewusstseins.“

Dieses unser menschliches Bewusstsein kennt kein Prinzip mehr, um den Krisen zu widerstehen. Da hilft kein Papst Franziskus, der vor dem Europaparlament die Abgeordneten beschwört, den Menschen, und nicht die Wirtschaft oder Politik in den Mittelpunkt zu stellen. Weder wird die Kirche heutzutage als „Expertin in allem, was den Menschen betrifft“ gesehen, noch ist man sich über die Anwendung von Menschenrechten einig. Sind nicht die schlimmsten Untaten begangen worden, indem man sich auf diese Institutionen berufen hat und beruft?

Wenn man sich nicht mehr einig darüber werden kann, was richtig oder falsch, gut oder böse ist, dann setzt sich der durch, der sich am besten den heutigen Selbstoptimierungsanstrengungen gefügt hat. Der Erfolg bleibt als einziger Maßstab über. Wer so denkt, denkt im heutigen Zeitgeist.  Unsere Bewusstseinsverfassung kann aber zu unserem größten Elend werden. Camus dazu:

„Nicht der Mörder macht Denkfehler, sondern Denkfehler machen den Mörder.“

Für Mörder kann man alle möglichen Verfehlungen des Menschen einsetzen.

Um Denkfehlern auf die Spur zu kommen, ist die Philosophische Praxis angetreten, in der Denkhaltungen und Einsichten geprüft, entwickelt, erweitert, vertieft, erschwert oder dramatisiert werden. Dadurch verändert sich das Bewusstsein und damit der Mensch. Er sieht seine Welt anders. Er ist ein anders Denkender und Sehender geworden. Die Krise des Menschen beheben würde dann notwendig machen, das Leben zu bedenken. Aus der gewöhnlichen Gedankenlosigkeit aufwachen, und sich seiner selbst bewusst zu werden. Die Frage zu stellen, wie man denken muss, um das Leben auf lebensdienlichste Art und Weise zu leben.

 

 

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