Was ist der Mensch?

December 2014

„Menschwerdung ist Erhebung zur Weltoffenheit kraft des Geistes (Max Scheler)

Der Mensch ist dasjenige Wesen, das über sich selbst nachdenken kann. Das hat er auf unterschiedlichste Art und Weise getan. Während z.B. man früher den Menschen in Differenz zum Engel bestimmte, ist es modern, den Menschen aus dem Tier heraus zu erklären. Die Philosophischen Anthropologen Max Scheler und Arnold Gehlen gingen einen anderen Weg. Sie fragten nach dem Wesensunterschied des Menschen im Vergleich zum Tier. Was macht den Menschen zum Menschen, was ist seine Sonderstellung? Dabei ging es ihnen nicht um die graduellen Unterschiede zwischen Mensch und Tier, sondern eben um das, was den Menschen wesentlich vom Tier unterscheidet.

Nach Max Scheler kennzeichnet den Menschen ein dem Leben entgegen gesetztes Prinzip, das er Geist nannte. Der Mensch kann sich demnach auch gegen das Leben entscheiden, er geht nicht mehr wie das Tier in seiner Umwelt und seinen biologischen Funktionen auf. Er kann zu sich selbst Distanz nehmen, ist weltoffen.

„Der Mensch allein vermag sich über sich emporzuschwingen, sich selbst zum Gegenstand seiner Erkenntnis zu machen. So ist der Mensch als Geistwesen das sich selber als Lebewesen und der Welt überlegene Wesen. Als solches ist er auch der Ironie und des Humors fähig.“

Arnold Gehlen baute auf dieser scharfen Unterscheidung von Mensch und Tier auf, vermied aber den Begriff Geist. Für Gehlen besteht die Sonderstellung des Menschen in seiner mangelhaften Ausstattung (Mängelwesen Mensch) inklusive seiner Instinktmangelhaftigkeit. Gerade diese Mängel machen den Menschen aber von Natur aus zu einem Kulturwesen. Der Mensch muss aus seiner Natürlichkeit heraus. Warum? Weil dann alles möglich wird:

„Nietzsche sprach einmal vom Menschen als dem nicht festgestellten Tier – das ist ein drohendes Wort. Es meint nicht nur dasjenige Tier, über das es keine endgültigen Feststellungen gibt, sondern es meint auch das in sich nicht festgestellte, zur Chaotik, zur Ausartung bereite Tier.“

Der weltoffene, instinktarme Mensch braucht die Kultur zu seiner Entlastung. Das leisten die Institutionen, die den Menschen berechenbar machen und Verhaltensmuster auf Dauer stellen. Gehlens Werk erinnert daran, wie wenig selbstverständlich Kultur und Institutionen sind, wie ohne sie ein Individualismus und Subjektivismus um sich greift, und wie leicht der Mensch sich ohne sie selbst gefährdet. Die Institutionenlehre Gehlens ist nicht unkritisiert geblieben. Jedes Unbehagen an den Institutionen ist auch ein Aufruf an die Mündigkeit des Menschen. Sind die Menschen nicht auch abhängig geworden von Wissenschaft und Technik? Sind Gesetze und Verordnungen immer zu befolgen? Der Fortschritt liegt vielleicht nicht im Fortschritt und Bestand der Institutionen, sondern im Menschen selbst. Menschliche Institutionen brauchen den mündigen Menschen.

 

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