Das Leiden, das Böse und die Rechtfertigung Gottes

September 2014

„Die schönste List des Teufels ist, dass er uns überzeugt, er existiere nicht.“ (Beaudelaire)

 

Der Teufel, oder sagen wie vornehm modern das Böse, haben gegenwärtig keine Presse, denn beides gibt es einfach nicht. Entweder wird die riesige Kategorie des Bösen verharmlost, oder verdrängt. Aber damit bleibt das Böse  ungelöst. Ist das Böse etwa nur die Aggression oder ein destruktiver Trieb? Den Teufel kann es freuen, wenn wir so denken. Das stört ihn nicht, im Gegenteil, seine Geschäfte laufen umso besser, wenn er nicht erkannt ist.  Er ist nämlich ganz und gar nicht eitel, er arbeitet am liebsten unbemerkt und schätzt die Verborgenheit.

Dieser Streich sei ihm niemals besser gelungen als in der gegenwärtigen Epoche (Denis de Rougemont). Sein Inkognito muss daher gelüftet werden, denn wenn das Böse geleugnet wird, dann hat der Teufel freie Bahn. Die Aufklärung hat das Böse als einen bloßen Schönheitsfehler verharmlost, der durch beherztes ein – und durchgreifen beseitigt werden könnte.  Das Böse wurde in der Moderne vergesse, oder ist in den Bereich der Esoterik oder Fiktion abgewandert. Die Kategorie des Bösen wird nicht mehr erkannt, es wird als die Nichtvorhandenheit des Guten bezeichnet.  Ein Nachdenken über das Böse wird zu dem Schluss kommen: Der Mensch ist kein harmloses Wesen. Die Freiheit, die er sich nimmt, ist geradezu eine Parole des Teufels, denn seine Verführung besteht darin, uns weiszumachen, das es gut ist, wenn es nach unserem Willen (oder nach unserer Lust und Laune) geht. Der Teufel ist von alters her als Wunscherfüller am Werk. Der dienstbare Geist. Ein Theologe meinte hierzu: „Ich kann die Menschen verstehen, die nicht an Gott glauben. Ich kann aber nicht begreifen, das die Menschen nicht mehr an den Teufel glauben.“

Ähnlich geht der moderne Mensch mit dem Leiden um. Es wird als praktisches Problem gesehen, das beseitigt werden muss. Leidtragende werden zu Leidbetroffenen. Es muss etwas gegen das Leiden unternommen werden. Wie aber mit Leiden umgehen, gegen das nichts mehr getan werden kann? Das Leiden verliert damit seinen Sinn. Das Wozu des Leidens wird nicht mehr gesehen. Damit versteht der Mensch aber sein Schicksal nicht mehr und steht seinem Leiden ohnmächtig gegenüber. Warum ich? Die Haltung zum Leiden, besonders zum unschuldigen Leiden, macht den Menschen zum Menschen. So zumindest behaupteten es alle Weisheitslehrer. Aber warum gibt es überhaupt unschuldiges Leiden? Wie ist das Leiden und das Böse mit einem guten Gott vereinbar? Das Theodizee-Problem beschäftigt die Menschen seit dem großen Erdbeben von Lissabon 1755. Wie konnte Gott die Gerechten sterben lassen und die Sünder (das Hurenviertel am Berg wurde von der Flutwelle verschont) am Leben lassen?  Ein Weltbild wurde damals erschüttert. Der Glaube an einen gütigen Gott ging verloren. An seine Stelle trat der Glaube an den Markt und an eine gerecht gestaltbare Gesellschaft. Was verbleibt, wenn auch diese Ersatzstellen ihre Glaubwürdigkeit verlieren?

 

 

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