Plädoyer für eine Kunst des Verweilens

June 2014

„Nichts ist dem Menschen unerträglicher als völlige Untätigkeit, als ohne Leidenschaften, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuungen, ohne Aufgabe zu sein. Dann spürt er seine Nichtigkeit, seine Verlassenheit, sein Ungenügen, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Allsogleich wird dem Grunde seiner Seele die Langeweile entsteigen und die Düsternis, die Trauer, der Kummer, der Verdruss, die Verzweiflung.“ (Pascal).

 

Der moderne Mensch tut sich schwer mit der Kunst des Verweilens, schnell langweilt er sich dabei und versucht alles, um dieser Langeweile zu entkommen. Bedenklich ist nicht, das der Mensch sich langweilt, das unterscheidet ihn schließlich vom Tier, sondern das er ständig versucht sich davon abzulenken und zu zerstreuen.

Die Rast –und Ruhelosigkeit ist keineswegs eine Krankheit der Moderne. Schon in der Antike standen die Stoiker vor der Frage, wie man eine ruhige Verfassung erreichen könne, die fähig wäre, auf die eigene Unruhe, Zerstreuung und Hektik hinzusehen. Seneca beschreibt sehr anschaulich die Verfasstheit von Menschen, die nur glauben zu leben, solange sich etwas tut, die sich selbst ausweichen, der Verbitterung verfallen, weil sie sich ständig meinen im falschen Leben zu sein.

Die Flucht vor sich selber zeige letztendlich nur, dass wir selbst das Elend sind. Pascal hat es so auf den Punkt gebracht:

„So verrinnt das ganze Leben: man sucht die Ruhe, indem man einige Schwierigkeiten, die uns hindern, überwinden will; und hat man sie überwunden, dann wird die Ruhe unerträglich.“

Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt im „Duft der Zeit“, ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens“, das die heutige Zeit den Menschen zum animal laborans degradiert hätte. Er plädiert daher für eine Revitalisierung der vita contemplativa.

Unsere Zeit, schreibt Han weiter, entwickle durch ihre Zerstreutheit keine ordnende Kraft mehr. Es gäbe keine Abschnitte und Übergänge mehr. Alles eile von einer Lebensmöglichkeit zur nächsten. Zusammenhänge gäbe es keine mehr, die Ereignisse sind nicht mehr miteinander verbunden. Die Zeit verliert ihren Duft.

Eine Erzählung, ein Gespräch dagegen könnte die Zeit zum Duften bringen, indem Ereignisse wieder verkettet werden. Dazu gehört die Entscheidung, was von Bedeutung ist, worauf es im Leben ankommt.

Dazu aber müsste man Verweilen können und der dadurch entstehenden Langeweile standhalten. Die duftende oder erfüllte Zeit wäre gerade nicht die der Abwechslung. Es ist die Zeit der Dauer, der Muße. Wie ist man zu freier Zeit, die keine Zeit der Arbeit ist, fähig? Wie vermag man innezuhalten, entschlossen zu zaudern und mutig zu zögern? Wie kommt man zu einer Innigkeit, die uns die Welt in der Tiefe erfahren lässt? Darum wird es schwerpunktmäßig in den Veranstaltungen im Juni gehen.

 

 

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