NIETZSCHES ZEIT IST GEKOMMEN

September 2013

„Mein Werk hat Zeit -, und mit dem, was diese Gegenwart als ihre Aufgabe zu lösen hat, will ich durchaus nicht verwechselt sein. Fünfzig Jahre später werden vielleicht einigen die Augen dafür aufgehen, was durch mich getan ist.“

Nietzsche schrieb dies im Jahre 1884 in Venedig. Nun, einigen ist bereits Ende des 19. Jahrhunderts die Bedeutung Nietzsches aufgegangen. Und wer hätte denn im 20. Jahrhundert mehr Wirkung auf Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler, Theologen ausgeübt, als Nietzsche? Aber fällt einem bei all dem Lärm um Nietzsche nicht auch sein Wort aus dem Zarathustra ein:  „Sie reden alle von mir, aber niemand denkt -  an mich. Dies ist die neue Stille, die ich lernte; ihr Lärm um mich breitet einen Mantel über meine Gedanken.“ Ja, Nietzsche ist in aller Munde und wird sogar auf den Universitäten gelehrt. Aber haben wir uns heute nicht gerade in dem eingerichtet, was Nietzsche als Problem sah? Sehen wir uns ein paar Beispiele an. Ist die Bedeutung seiner Aussage „Gott ist tot“ wirklich verstanden worden? Unser fröhlicher Nihilismus ist uns kein Problem mehr. Wir fragen nicht nach den Konsequenzen dieser „neuen Morgenröte. Weiter: Seine Modernitätskritik. Er sah „eine großartig verächtliche Geldwirtschaft“, eine blinde, jedes Maß verlierende Wissenschaft und eine Hast und Unruhe des modernen Menschen voraus. Die „Jagd nach dem Glück“, prophezeite Nietzsche“, würde ungeahnte Ausmaße annehmen. Seine Ansicht „sei du selbst“ wurde von ideologischer Selbstbestimmung und neoliberalem Ich-AG-Getöse gründlich missverstanden. Für Nietzsche liegt das wahre Wesen eines jeden „nicht tief verborgen in dir, sondern unermesslich hoch über dir oder wenigstens über dem, was du gewöhnlich als dein Ich nimmst.“ Sein Motto: „Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich bequem zu sein“, richtet sich gegen das Ausreden auf die Umstände und das endlose Einnehmen einer Opferhaltung. Im „letzten Menschen“ aus dem Zarathustra führt er uns den heutigen Zeitgenossen vor, der sich mit Gleichgültigkeit durchs Leben laviert, dessen Credo lautet: „Das machen doch alle so.“ Es ist der Mensch, der alles klein macht, dem Unterhaltung alles ist, der sich nichts mehr sagen lässt und trotzdem klug dünkt.

Er zeigte als einer der ersten das Ressentiment und den Zynismus als Grundhaltung des modernen Menschen auf. Er richtet sich gegen einen Gesundheitswahn und rechnet Krankheit noch zur Gesundheit, wenn man fähig ist, daraus zu lernen und das Beste zu ziehen. Er fordert konsequente Arbeit am Charakter, um einerseits den eigenen Schwächen Stil zu geben, und andererseits „der zu werden, der man ist.“

Er dramatisiert den Nihilismus in eine Diesseitsbejahung, die auf Augenhöhekommen mit dem Schicksal verhilft. „Amor fati“ – die Liebe zum Schicksal heißt seine Losung.

Eine Kritik an einer zu weit getriebenen Transparenzgesellschaft klingt an, wenn er die Unanständigkeit eines „Alles verstehen und wissen wollen“ anprangert.

Er weiß, das eigentliche Problem des Menschen ist der fehlende Sinn des Lebens. Nicht das er eine allgemeingültige Antwort darauf hätte, denn für Nietzsche ist „Nichts für immer richtig“, aber er weiß, das der Mensch einen Sinn braucht, vor allem einen Sinn des Leidens. Schon lange vor Viktor Frankl war ihm klar, das „nicht das Leiden selbst das Problem des Menschen ist, sondern das die Antwort fehlte für den Schrei der Frage wozu leiden.“ Erkenntnis stand für Nietzsche im Dienst des Lebens. Das Leben war ihm „ein Mittel der Erkenntnis.“ Alles was er an und mit sich erlebte, diente ihm zur Belehrung.

Nietzsche Zeit ist gekommen, das zeigen diese, und viele andere Beispiele. Es wird Zeit, dass wir uns von Nietzsche über uns aufklären lassen.

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