Ticken wir noch richtig? – Gedanken zur Entschleunigung

September 2012

Die Langsamkeit, die Muße und die Stille passen nicht in unser Online-Zeitalter. Der Kapitalismus, die Geldwirtschaft, die Medien, der Verkehr, das Internet, alle Gesellschaftsbereiche unterliegen dem Tempodiktat. Es ist deshalb sehr schwer, über Entschleunigung zu sprechen oder zu schreiben, weil man zunächst selbst still geworden und zur Ruhe gefunden haben müsste, um sich belangvoll darüber zu äußern. Man müsste sich selber schon aus dem uns umgebenden Wirbel herausgedreht haben, um ruhige Gedanken zu fassen. Nur ein Nachdenken, das zur Besinnung und Besonnenheit geworden ist, würde dem Thema der Entschleunigung gerecht werden. Nur jemand, der „die Entdeckung der Langsamkeit“ in seinem Leben erfahren hat, könnte berufen darüber berichten.

Leicht hingegen wäre es, vom Lärm und der Unruhe zu reden, etwa von der Informationsüberfülle, vom Gebrabbel des Infotainments, vom Gedröhne der Meinungen, von den Schlägen der Werbetrommeln, vom Gequake in die Smartphones, vom Gebrüll der Empörten, vom lärmenden Gedränge. Immer verrückter, verdrehter, schriller, kaputter dreht sich das Weltkarussell. Die Zerstreuungen und Ablenkungen haben einen noch nie gehabten Höhepunkt erreicht. Zur Ruhe kommen? Dafür ist in dieser Beschleunigungsgesellschaft keine Zeit. Die Geschwindigkeit und der Lärm sind der Moderne wesentlich eingegraben. Unruhe und permanente Veränderung ist ihr Wesen.

Schon 1870 schrieb Nietzsche, der große Kenner der modernen Welt in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ über die Verfassung des modernen Menschen:

„Man schämt sich jetzt schon der Ruhe; das lange Nachsinnen macht beinahe Gewissensbisse. Man denkt mit der Uhr in der Hand, wie man zu Mittag isst, das Auge auf das Börsenblatt gerichtet – man lebt, wie Einer, der fortwährend Etwas versäumen könnte. Lieber irgendetwas tun, als Nichts….Denn das Leben auf der Jagd nach Gewinn zwingt fortwährend dazu, seinen Geist bis zur Erschöpfung auszugeben, im beständigen sich verstellen, oder überlisten, oder zuvorkommen: die eigentliche Tugend ist jetzt, etwas in weniger Zeit zu tun, als ein anderer.“

Was ließ uns eigentlich so schnell, so laut werden? Zum einen ist die Beschleunigung ein Grundprinzip der modernen Gesellschaft, allen voran die technische Beschleunigung, aber auch der beschleunigte soziale Wandel und die Beschleunigung des individuellen Lebenstempos, die sich in einem Beschleunigungszirkel gegenseitig antreiben. Darüber hinaus sorgen ein ökonomischer Motor (Zeit ist Geld) und ein kultureller Motor (Der Schnellere ist der Bessere) für zusätzliche Triebkraft der Beschleunigung.

Zum anderen unser ökonomischer Umgang mit der Zeit, der besagt, dass Zeit ein knappes Gut sei, das gespart werden muss. Die Devise lautet, wer langsam ist, vergeudet Zeit, wer schnell ist, nutzt die Zeit. Wir sparen Zeit, wo wir können und verlieren dabei dennoch immer Zeit. Warum ist das so? Soviel sei hier erwähnt: Der allgemeine Tenor lautet: „Zur Langsamkeit und Muße braucht man Zeit“. Demgegenüber ist aber das Gegenteil wahr: „Die Langsamkeit und Muße verschafft uns Zeit, vergönnt uns Zeit -  die Schnelligkeit raubt sie uns.“

Wer sich nie Zeit lässt, der hat eben darum nie Zeit. Wer sich keine Zeit nimmt, der hat auch keine Zeit. Diese These soll hier nicht näher ausgeführt werden. Dafür werden wir uns bei einem Philosophischen Seminar ausführlich Zeit nehmen.

Soviel sei noch gesagt, dass der Mensch, der sich nie Zeit nimmt, ein ruheloses, sprunghaftes, aufgeregtes Leben führt, das neuerdings immer öfters die „Diagnose“ Burn-out verpasst bekommt. Soziologen sprechen von Individuen, die sich permanent neu entwerfen und dadurch nicht mehr wissen, wer sie sind. Wenn sich alles um uns herum mit rasender Geschwindigkeit ändert- unser Familienstand, unser Beruf, unser Wohnort, fällt es uns immer schwerer zu sagen, wer wir sind und wer wir werden könnten. Wenn wir nicht wissen, wer wir sind, können wir keine Ziele fassen, die unsere sind, wir treten auf der Stelle und erleiden den Zustand des „rasenden Stillstandes“. Selbstbestimmung und Identitätsfindung werden erschwert.

Stille, Langsamkeit können nicht herbeigeredet oder herbeigehandelt werden. Man muss sein Leben durch die eigene Haltung und Verfasstheit so einrichten, das Stille und Langsamkeit einkehren können.

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