Bildung im Sinne der Philosophischen Praxis

October 2012

Keine Angst. Bei der Bildung im Sinne der Philosophischen Praxis geht es nicht um abgehobene Theorien, staubiges Bücherwissen oder das Wiederkäuen von bereits Gedachten. Nietzsche schrieb über Gebildete dieses Typs:

„Gleich solchen, die auf der Straße stehn und die Leute angaffen, welche vorübergehn: also warten sie auch und gaffen Gedanken an, die andere gedacht haben. Greift man sie mit Händen, so stäuben sie um sich gleich Mehlsäcken, und unfreiwillig: aber wer erriete wohl, dass ihr Staub vom Korne stammt und von der gelben Wonne der Sommerfelder?

Gleich Mühlwerken arbeiten sie und stampfen: man werfe ihnen nur seine Fruchtkörner zu! – sie wissen schon, Korn klein zu mahlen und weißen Staub daraus zu machen.“

Nietzsches Bildungskritik richtet sich gegen die damaligen Gelehrten, heute sind das gewisse Universitätsprofessoren. Die Philosophische Praxis nimmt sich seine Kritik zu Herzen, die alles bloße Wissen bloßstellt, das nicht wirklich angeeignet und zur eigensten Angelegenheit wurde. Nietzsche schreibt weiter:

„Der moderne, gebildete Mensch schleppe zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit auch ordentlich im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heißt. Es sei dieses Rumpeln, das Bildung verrate“.

Nun, wenn es um eine solche Art der Bildung gerade nicht geht, um welche dann? Von Bildung soll gesprochen werden, wenn man in mehr als in einer Welt lebt, und vor allem, wenn man nicht an seine Gegenwart versklavt ist. Der Gebildete verschafft sich Ruhe von der „Tyrannei des Heute“, hat die Borniertheit eines nichts- als -modernen Menschen hinter sich gelassen und überwunden.

In der Philosophischen Praxis finden sich Menschen ein, die Opfer des Zeitgeistes, des zeitgefälligen Denkens und Empfindens geworden sind. Kierkegaard sprach davon, sich selber die Treue zu bewahren, statt sich „der Forderung der Zeit“ zu unterwerfen.

Die „Tyrannei der Gegenwart“, die „Diktatur des Tages“ und die unbarmherzige Macht der Mode hat alles erfasst: Das Denken, Urteilen, Wünschen, Hoffen und Fürchten. Viele fühlen sich in der Obhut dieser Tyrannei wohl, einige leiden darunter, die meisten schwimmen auf dieser Welle. Einige wenige gehen unter. Diejenigen die leiden oder untergehen sind die Wenigen und Seltenen, die mich in der Philosophischen Praxis aufsuchen.

Kierkegaard erkennt einen gebildeten Menschen auch daran, das er die Tagesmedien verabscheut. Bildung strebt für ihn über den Tag hinaus, atmet den Geist der Jahrhunderte und der verschiedenen Weltalter. Bildung hat demnach das allzu Nahe in die Ferne zu rücken, und das Vergangene zu vergegenwärtigen.

Nochmals, was ist echte Bildung im Sinne der Philosophischen Praxis? Es hat mit Hören und Verstehen zu tun. Nur dann kann aufgefasst werden, was der Gast der Philosophischen Praxis mitzuteilen hat. Vom Philosophischen Praktiker wird erwartet, dass er gelernt hat, vielen Philosophen zuzuhören, und damit fähig geworden ist, in verschiedenen Denkwelten zu Hause zu sein. Der Anspruch ist, selber schon verdaut zu haben, womit man vom Gast gefüttert wird. Schopenhauer dazu:

„Andere nähren kann man nicht mit unverdauten Abgängen, sondern nur mit der Milch, die aus dem eigenen Blut sich abgesondert hat“.

Bildung im Sinne der Philosophischen Praxis ist nicht das bloße Wissen und Kenntnisse sammeln, es ist die Kunst, gehaltvoll zuzuhören. Diese Haltung ist erworbene Bildung. Es kommt auf die Verfassung an, nicht allein darauf, was der Philosophische Praktiker weiß oder denkt, sondern darauf, wer er ist, oder wer er wurde. Das Resultat dieses Werdens ist das Resultat seiner Bildung.

Was ist das Ziel dieser Bildung? Weder Gesundheit, noch Erfolg im Beruf oder in den Geschäften, noch Anerkennung, sondern die Lebenskönnerschaft. Wenn verstanden wurde, wie man sein muss, um das eigene Leben zu führen, zu meistern und zu bestehen. Der schönste Erfolg der Philosophischen Praxis.

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