Das ewige Thema: Vom Sinn des Lebens

October 2011

Auch wenn fälschlicherweise oft angenommen wird, die Philosophische Praxis habe mit der Suche nach dem Sinn zu tun, die Frage nach dem Sinn des Lebens wird von ihr nicht abgewiesen. Immer wieder kommen Menschen in die Beratung, weil sie Schwierigkeiten mit diesem Thema haben, oder unter Sinnlosigkeit leiden. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist nicht neu. Nur nach dem Wortlaut, der stammt nämlich aus dem 19. Jahrhundert. Der Sache nach ist die Frage sehr alt. Was meinen wir eigentlich, wenn wir diese Frage stellen? Wir meinen, in einer ersten Bedeutung, Sinn kommt einem Ding, einem Sachverhalt oder einer Handlung hinzu. Etwas ist zweckvoll in Hinblick auf seinen Zweck. Zum Beispiel ist ein Hammer sinnvoll in Bezug auf seinen Zweck, Nägel einzuschlagen. Wenn der Stiel fehlt, ist der Hammer sinnlos. Menschen betrachten sich oft als sinnvoll, wenn sie zweckvoll sind.

Dagegen hat Kant seinen berühmten Imperativ gestellt: Jeder soll sich und die anderen als Zweck an sich selbst behandeln. Zum Menschen muss nichts hinzukommen, er ist selber an sich zweckvoll. Vielleicht ist alles Grosse und Bedeutende zwecklos. Zum Beispiel ein Geschenk, mit dem nichts erreicht werden soll. Es wird einfach so gegeben.

Sinn hat aber auch mit Beziehung zu tun. Wir erachten etwas als sinnvoll, wenn wir es in ein Verhältnis oder in einen Zusammenhang bringen können. So erscheint uns das Balzen eines Auerhahnes sinnvoll, wenn ein Weibchen in der Nähe ist. Wenn man weiß wozu etwas gut ist, dann macht es Sinn. Sinn steht auch in Beziehung zum Verstehen. Das Leben erscheint immer dann sinnlos, wenn wir es nicht verstehen. Wenn ein Kind stirbt, dann kann man die Erklärung zur Hand haben, Gott wird sich etwas dabei gedacht haben. Gläubige Menschen erfahren durch eine solche Interpretation eine Beruhigung. Wenn keine Interpretationen zur Verfügung stehen, können nicht nur große, sondern auch kleinste Frustrationen zur Katastrophe führen. Wenn es keine Antwort auf das Wozu gibt, leidet man, weil es nicht interpretierbar ist. Sinnvoll kann weiters das sein, was eine Bedeutung hat. Wir verstehen nur dort, wo uns eine Bedeutung aufgeht. Verstehen heißt nicht erklären. Wittgenstein hat einmal gesagt, auch wenn alles vollständig erklärt oder geklärt ist, ist die Welt noch nicht verstanden. Nehmen wir das Beispiel eines Herzinfarktes. Eine Erklärung wäre, der Herzinfarkt ist die Folge von Stress. Diese Erklärung sagt dem Betroffenen gar nichts. Erst wenn das Herz eine Stellungnahme abgegeben hat, das Herz sozusagen zu mir spricht, kann ich mich durch diese aufklärende Stimme angesprochen sein lassen. Verstehen heißt  dann im Sinne von Gadamer, sich etwas gesagt sein lassen. Erst wenn wir etwas einsehen, uns etwas dabei denken, entsteht eine sinnvolle Beziehung, und damit Bedeutung. Sinn, so könnte man sagen ist etwas, was uns zu denken gibt, was verstehbar ist, Bedeutung hat, wofür wir ein Ohr haben.

Sinnvoll ist auch, wenn etwas ein Teil eines größeren Ganzen ist. Wenn etwas da ist, wo es hingehört. Absurdes Theater wird deshalb als sinnlos empfunden, weil darin die Menschen reden, ohne sich aufeinander zu beziehen. Es passt nichts zusammen. Ein großer Teil der Gespräche auch außerhalb des Theaters sind absurdes Theater. Sinn hat auch mit Zusammenhang zu tun. Wenn man nicht weiß, wohin eine Phase unseres Lebens führt, oder das Leben in einzelne Puzzlesteine zerfällt, die kein ganzes Bild ergeben, dann fühlen wir Sinnlosigkeit. Sinn kann auch dort wahrgenommen werden, wo man eine Richtung, eine Orientierung auf ein Ziel hin erkennen kann. Im berühmten Stück „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett ist der Sinn ins Stocken gekommen, weil es keine Bewegung mehr gibt. Eine Sinnkrise kann auch eine Orientierungskrise sein, wenn wir nicht mehr wissen, wohin wir uns ausrichten sollen. Krise wäre dann das Schwinden der Zukunft.

Nach dem Sinn zu fragen ist berechtigt, aber oft ist der Sinn schwer zu finden, weil wir nicht alle Zusammenhänge kennen, und nicht jedes Wozu beantworten können. Stellen sie sich vor, sie kommen zu spät in ein Theaterstück und müssen früher gehen. Sie werden womöglich das Stück als nicht sehr sinnvoll erleben. So ist es mit unserem Leben. Wir sind immer zu spät Gekommene und zu früh Gegangene. Deswegen empfinden wir unser Leben oft als sinnlos. Erst nach dem Ende des Stückes oder unseres Lebens kann dieses wirklich verstanden werden. Bis dahin hängen wir in unseren Alltagsgeschichten und man kann sich fragen, ob man sich in einer Komödie, einer Tragödie, einem Kitschroman oder Trauerspiel befindet. 

Wer Dankbarkeit für sein Dasein empfinden kann, braucht nicht nach dem Wozu fragen. Letztendlich braucht der Mensch keinen Sinn, der hinzukommt. Mit uns Menschen ist der Zweck in der Welt. Mit Freud könnte man sagen, wer nicht nach dem Sinn fragt, ist vielleicht am gesündesten. Und für Hans Blumenberg ist eine Welt voll des Sinnes sowieso nicht nur angenehm. Stellen sie sich zum Beispiel das Mittelalter vor, eine Welt ohne Protest, voller Härte und Ungerechtigkeiten, und die Menschen sagen dazu, es wird schon alles seinen Sinn haben. Mit dem Sinn soll man es nicht übertreiben. Auch das Ziel -und zwecklose kann manchmal sehr sinnvoll sein.

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