Nietzsches letzter Mensch ist der heutige moderne Mensch

November 2011

Nietzsche schildert in „Also sprach Zarathustra“ den letzten Menschen. Hat sich Nietzsche schon in seinen früheren Werken, wie „Morgenröte“, „Menschliches Allzumenschliches“ und „die Fröhliche Wissenschaft“ als feinster Diagnostiker unserer modernen Gesellschaft erwiesen, so charakterisiert er mit dem letzten Menschen den modernen Menschen als solchen. Es ist der gegenwärtige Mensch.

Der Abschnitt in der Vorrede des Zarathustra lautet:

 

„So will ich ihnen vom Verächtlichsten sprechen: das aber ist der letzte Mensch. Und also sprach Zarathustra zum Volke: Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit, dass der Mensch den Keim seiner höchsten Hoffnung pflanze. Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen können. Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinauswirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!

Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch. Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.

Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen. Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern? – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

Wir haben das Glück erfunden – sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben; denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme. Krankwerden und Misstrauenhaben gilt ihnen als sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife. Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich: Wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus. Ehemals war alle Welt irre – sagen die Feinsten und blinzeln. Man ist klug und weiß alles, was geschehen ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen.

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.

Wir haben das Glück erfunden – sagen die letzten Menschen und blinzeln.

 

Nietzsche beschreibt in diesem Text schon vor über 130 Jahren in prophetischer Weise die Verfassung des modernen Menschen. Es geht um die Aufrechterhaltung des Status quo. Die Gesellschaft wird auf Dauer gestellt. Das Leben erstarrt, man tritt auf der Stelle, trotz beschleunigtem Lebenswandel. „Rasender Stillstand“ macht sich breit. Es geschieht natürlich sehr viel: Finanzkrisen, Wirtschaftskrisen, Revolten, Aufruhr, Demonstrationen, Katastrophen aller Art, Sensationen. Aber es ändert sich nichts Wesentliches mehr in der Grundstruktur der westlichen Gesellschaft. Und der Rest der Welt sieht keine andere Option, als sich der westlichen Grundstruktur anzupassen.

Alles ist sehr gleich, sehr klein, sehr langweilig. Der letzte Mensch hat keine Leidenschaft, er ist ohne Thymos (Mut, Eifer), wie Peter Sloterdijk in „Zorn und Zeit“ sagt. Dazu Max Weber: „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“

Es gibt Logik, es gibt Begehren: aber der Thymos fehlt. Kein Stolz, kein Gefühl für Würde und Ehre, keine Beherztheit, keine Selbstachtung.

Die letzten Menschen haben kein Herz und sind unfähig zu Tugenden, zu Visionen und großen Unternehmungen. Sie sind konsumierende Gutmenschen, freiwillige Knechte in einer autonomen Herde.

Die letzen Menschen haben das Glück nicht gefunden, sondern erfunden. Kleine Gifte und Rauschmittel, die Drogen und Pillen der Pharmaindustrie, mancherlei Therapien, dimmen den Menschen auf Halbmast und rauben ihm Sehnsucht und Verlangen: Fröhlich konsumierende Roboter.

Die Behaglichkeit des Wohlstandes führt zu geistiger Versklavung.

Wiederum Max Weber: „Das moderne Leben lebte noch, als die bürgerliche Askese, Berufsmenschentum und Spezialisierung begeisterte. Wenn der Geist der Askese schwindet, erscheint der letzte Mensch.“ Und Max Weber weiter:“ Spezifisch ist die absolut unentrinnbare Gebanntheit unserer ganzen Existenz, dieses stahlharte Gehäuse des kapitalistischen Wirtschaftskosmos.“

Unentrinnbarkeit ist der Gegenbegriff zur Freiheit. Man könnte auch Uniformierung, Standardisierung und Konformismus sagen. Man fühlt sich orientierungslos, wenn man das gewohnte „stahlharte Gehäuse“ einmal verlassen müsste.

Völlig fremd ist es geworden, das eigene Leben in die eigene Hand zu nehmen und zu behalten. Kant hat das Unmündigkeit genannt.

Der letzte Mensch akzeptiert den Niedergang des Menschen, um den Untergang hinauszuzögern (siehe Systemrettung). Klugheit bedeutet, es zu schaffen, seine Bequemlichkeit zu erhalten. Das Bewusstsein fehlt, zu erkennen, das so ein Leben nicht lebt. Dem letzten Menschen geht es nicht um das Seelenheil, sondern um das Sozialheil. Die Gruppe, das Team, die Gemeinschaft (früher die Herde genannt), avanciert zum Nonplus ultra: Gruppentherapie, Teamwork, soziales Lernen. Immer geht es um die Austreibung der Individualität. Der letzte Mensch ist vom Teamgeist besessen. Im Hintergrund ist der Sozialstaat, der uns im Griff hat. Die Gleichheit macht sicher. Die staatliche Fürsorge sichert, aber entmündigt. Gegen die Unmündigkeit, diesen Geisteszustand, ist die Aufklärung angetreten.

So wie es des Mutes bedarf, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, bedarf es des Stolzes, um das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Der Stolz aber wurde durch Angst ersetzt. Der letzte Mensch wird nicht erwachsen. Erwachsen ist man, wenn man sein Leben nicht ausschließlich nach dem Glück einrichtet.

Der letzte Mensch wird sich selbst zum Problem, weil er keine Aufgaben mehr hat, die ihn vor sich selbst ablenken. Die Sorge um sich selbst war bei Sokrates die Sorge um die Seele. Der letzte Mensch sucht sein Heil in der Gesellschaft, oder geht zum Therapeuten. Die Märkte sind die Sinnstifter. Selbst die Religion wird konsumiert, die ebenfalls Spaß und Unterhaltung bieten soll. Der letzte Mensch kennt keine Selbsttranszendenz. Er ist zynisch und blasiert. Er setzt alles herab. Er will nur angenehm leben. Hauptsache mir geht´s gut. Freiheit hat aber schon immer schwach mit einem angenehmen Leben korreliert. Freiheit und Würde stehen gegen Glück und Genuss.

Gegen den letzten Menschen kann man den Bürger, die Bürgerin stellen, die das „sapere aude“ (habe Mut) in eine Lebenspraxis der Freiheit umsetzen. Mut zur Bürgerlichkeit heißt, seine Lage begreifen und ergreifen, seine Existenz aushalten. Odo Marquard hat das Zivilcourage genannt.

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