Cicero – unser Zeitgenosse?

November 2011

Cicero (106-43 v. Chr.) war nicht nur Philosoph, sondern auch Staatsmann, Anwalt und Rhetoriker. Er war ein Zeitgenosse Caesars und durch seine republikanischen  Ansichten auch sein Gegenspieler. Der römische Staat war zu seiner Zeit sehr unsicher geworden und wurde nicht mehr von den Menschen getragen. Dies ist eine Parallele zu heute. Caesar machte das römische Reich stark und befestigte es, während Cicero sich aus der Politik zurückzog, aber an der Republik festhielt. Als Caesar umgebracht worden war, glaubte Cicero, dass die Republik eine neue Auferstehung feiern würde. Er wollte damit einen verfallenen Prozess retten. Aber für die alte Republik gab es keine Rettung mehr, sie war durch Korruptionen, einer Brot und Spiele – Politik und einer Entfremdung des Staates von den Bürgern machtlos geworden. Gegen diese Schattenrepublik hatte sich Caesar gewendet. Sein Tod änderte nichts. Seine Nachfolger wurden Kaiser.

Hegel beschreibt in seiner Philosophie der Geschichte den Untergang des alten republikanischen Roms als eine Verfallsgeschichte, die uns für unsere gegenwärtige Zeit zu denken geben kann. Cicero wurde zu einer tragischen Figur, weil er an einem scheiternden System festgehalten hat, und damit scheiterte. Damit wird er zum Vorbild für Politiker und denjenigen, die ebenfalls ein untergehendes System (man könnte das gegenwärtige Wirtschafts – und Finanzsystem anführen), versuchen zu retten.

Cicero hat gelebt, als es mit der Republik eigentlich schon vorbei war. Die Geschichte war gegen ihn, aber der republikanisch/demokratische Gedanke war nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Werden wir tragisch scheitern wie Cicero, wenn wir an einem System festhalten, das nicht mehr zu retten ist? Ich meine, Cicero ist unser Zeitgenosse, er ist ganz gegenwärtig.

Aber war er ein richtiger Philosoph? Er hat doch schließlich nur die griechische Philosophie rezipiert und ins lateinische übersetzt. Dieser Vorwurf wird Cicero zum Vorzug, denn er konnte so verschiedene Philosophien wie die Stoa, Epikur, Platon und Aristoteles nebeneinander als die Wahrheit des jeweils anderen stehen lassen. Darin kann er uns zum Vorbild sein. Sein Ausspruch war außerdem: „Haltet mich nicht für einen Systemphilosophen.“ Damit deklarierte er sich als Anhänger Sokrates, der auch kein philosophisches System hatte. Auch mahnt er uns damit zur Vorsicht gegenüber den Selbstgewissen.

In seiner berühmten Schrift „Über das Alter“ lässt er den alten Cato über das Greisenalter, und wie es sich gut altern lässt, zu Wort kommen. Der alte Cato beglaubigt mit seiner eigenen Person das was er sagt. Heute würde man das authentisch nennen.

Eine Kernthese Ciceros lautet: “Wenn du recht leben willst, darfst du nicht das machen, was die Masse macht.“ Man soll nicht nach dem Beifall und dem Lohn der Menschen schielen, sondern sich fragen, ob das was man macht, Einklang mit dem Himmel findet. Hierzu passt ein Aphorismus des französischen Moralisten Joubert:

„Der Verstand passt sich der Welt an; Weisheit sucht Einklang im Himmel.“

Noch genauer ist Hegel: „

„Weisheit ist nicht Wissenschaft – Weisheit ist eine Erhebung der Seele, die sich durch Erfahrung verbunden mit Nachdenken über die Abhängigkeit von Meinungen erhoben hat.“

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