Stolz und Einsicht: Die Größe des Philosophen Seneca

March 2012

„Frei ist, wer der Knechtschaft des eigenen Ich entronnen ist. Sich selbst versklavt zu sein ist die schlimmste Knechtschaft.“ (Seneca)

Seneca wurde um das Jahr 0  in Cordoba (Spanien) geboren, das damals römische Provinz war. Vielleicht ein oder zwei Jahre vorher, so genau weiß man das nicht. Auf alle Fälle war er ein Zeitgenosse des Nazareners. Er hatte zwei Brüder, von denen der Ältere, Gallio, Bekanntschaft mit Paulus machte. Davon zeugt die Apostelgeschichte. Sein Hauptinteresse war bereits in seiner Jugend die Philosophie. Diese war damals nicht wie heute eine akademische Disziplin, sondern in Philosophenschulen aufgespalten. Seneca bekannte sich zur stoischen Schule. Diese hatte den Auftrag, das Leben zu begleiten, sich um die richtige Lebensführung Gedanken zu machen.  Wie  Cicero vor ihm, machte er Karriere im Staatsdienst und war der meistgelesenste Schriftsteller seiner Zeit.

Seine Leidenschaft für die Philosophie und sein Ehrgeiz für die Karriere in Rom bedeuteten für ihn keinen Zwiespalt. Er erlebte die blutrünstigsten und machdurstigsten Kaiser, wie Tiberius, Caligula, Claudius und Nero. Die Mutter Neros, Agrippina, bestellte ihn zum Erzieher ihres Sohnes. Seneca stieg in höchste Ämter auf und war zeitweise der zweitmächtigste Mann des Riesenreiches. Von Nero wurde er mit unglaublichen Gütern beschenkt, sodass er der reichste Bürger Roms wurde.

Immer wieder versuchte er, sich von der Umklammerung des kaiserlichen Hofes zu lösen. Schließlich fiel er einer Intrige bei Hof zum Opfer, und musste 65. n. Chr. auf Befehl Neros Selbstmord begehen.

Seneca ist bis heute umstritten. Manche verzeihen ihm das „Mitmachen“ bei Hofe nicht und sehen eine nicht zu lösende Diskrepanz zwischen seinem immensen Reichtum und seinem Pochen auf Bescheidenheit.

Doch Seneca ist ernst zu nehmen. In seinen Schriften spricht ein Mann zu uns, der wahrhaft philosophisch gelebt hat und gestorben ist.

Die stoische Tradition ist am besten zu verstehen, wenn man sie der christlichen Tradition gegenüberstellt. Zur Zeit Senecas entstanden die ersten Christengemeinden. Das frühe Christentum hatte ein pessimistisches Weltbild. Man erwartete das Kommen Christi und den Weltuntergang noch in derselben Generation. Als ein Jahr vor dem Tode Seneca, 64 n. Chr. der Brand um Rom ausbrach, freuten sich die Christen, weil sie den Weltuntergang kommen sahen. Daher war es Nero ein Leichtes, ihnen die Brandlegung in die Schuhe zu schieben. Die ersten Christenverfolgungen begannen, unglaubliche Grausamkeiten wurden verübt. Die Christen starben wie ruhige Märtyrer. Sie sahen sich rasch im Reich Gottes. Aber sie waren auch vom Geist des Ressentiments gegen ihre Peiniger besessen. Sie trösteten sich damit, dass diese ewige Höllenqualen erleiden würden. Augustinus schrieb später dazu: „Die Seligen werden Zeugen der Qualen der Verdammten sein, und das wird ihre Seligkeit erhöhen.“ Das eigene Leben zu führen wurde von den Christen als Hochmut angesehen. Demütig hatte man sich zu unterwerfen.

Entgegen den Christen hatten die Stoiker ein optimistisches Weltbild. Kein Trost in einem Jenseits erwartete sie. Ihr Stolz bestand darin, das Leben kraft Einsicht selbst zu führen und zu meistern. Ihre philosophische Haltung war der Stolz, der von den Christen später zur Todsünde erklärt wurde.

Albert Schweitzer schrieb in „Kultur und Ethik“: Zwei Welten trafen mit den Christen und den Stoikern aufeinander. Die Vernichter des optimistischen Weltbildes (Christen), die von den Offizieren ohne Armee (den Stoikern) verteidigt wurden. Die optimistische Ethik der Spätstoa ging mit dem Christentum unter wie ein Sonnenstrahl im Spätsommer. Und es begann die Dunkelheit des Mittelalters“.

Im 48. Brief an Lucilius schrieb Seneca: „Das nämlich ist es, was mir die Philosophie verspricht, mich dem Gotte gleich zu machen: dazu bin ich eingeladen worden, dazu bin ich gekommen.“ Und das sollte aus eigenem Vermögen erreicht werden. Daraus spricht ein unglaublicher Stolz aus Einsicht. Für die Stoa galt die Natur als Vorbild, sie war geordnet und alles an seinem richtigen Platz. Der Mensch sollte an sich selber glauben. Ein humanistischer Religionsversuch.

Im Christentum galt die eigene Weisheit als Hochmut, die Natur wurde als gefallen, nicht als das Gute angesehen. Der Selbstmord war, wie in der Stoa, nicht erlaubt.

Albert Schweitzer schrieb dazu: „Der Geist der Antike ist dem pessimistischen Dualismus (Diesseits/Jenseits) zum Opfer gefallen, indem es nur noch eine Ethik der Reinigung (Askese=Abtötung) und keine Ethik der Wirkung mehr gibt (Askese=Verlebendigung)“.

Für Albert Schweitzer sind Senca, Epiktet und Marc Aurel „die Wintersaat einer kommenden Kultur.“

Im 16. Brief an Lucilius schreibt Seneca: „Niemand kann glücklich leben, nicht einmal erträglich, ohne Bemühen um Weisheit…Aber das was klar ist, muss gefestigt und tiefer, durch tägliches Nachdenken, eingeprägt werden: mehr Mühe besteht darin, Vorsätze einzuhalten als ehrenwerte Vorsätze zu fassen. Beharrlich muss man sein und in unablässiger Bemühung Festigkeit gewinnen, bis eine gute Verfassung der Seele wird, was guter Wille ist.“

Wer mit Beharrlichkeit an guten Vorsätzen festhält, erntet einen guten Willen und einen guten Charakter. Wer würde das nicht unterschreiben? Seneca sagt oft Dinge, die wir wissen, aber trotzdem nicht beachten.

Seneca lebte eine praktische Philosophie. Es ging ihm nicht darum, Philosoph zu sein, sondern philosophisch zu leben. Gibt es denn heutzutage eine ernstzunehmende Alternative zu den Grundsätzen des Seneca und der Stoa insgesamt?

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