Der geistige Mensch

May 2013

„Was kümmern sich die Menschen denn um Geist. Die meisten Menschen sind und bleiben doch unbedingt Tierwesen“, klagt Kierkegaard in seinen Tagebüchern.  Aristoteles begründete ein Verständnis vom Menschen als geistiges Wesen. Für Seneca ist der Geist in uns der Gott in uns. Sokrates sprach von einer göttlichen Stimme, der er Gehör schenkte (Daimon), und die ihm von Dingen abriet. Wir würden heute dazu schlechtes Gewissen sagen, das uns von etwas abhält. Geist ist in der Antike und im Christentum die Empfänglichkeit für die Stimme Gottes. Ein geistiges Leben wurde als gottgewolltes und vernünftiges Leben angesehen. Mit Geist ist für fromme Gemüter eine Erreichbarkeit von und für Gott gemeint, in der Philosophie sprach man von Weisheit und Gerechtigkeit, die der Geist bewirkte.

Seit Sokrates sieht sich der Mensch in einem neuen, revolutionären Verhältnis zu Gott, und nicht mehr nur Macht und Willkür ausgeliefert. Der Mensch sollte durch seinen Geist auch beurteilen können, was von Gott ist, und wahre von falschen Göttern unterscheiden.

Meister Eckhart, der große Philosoph und Mystiker steht in der antiken Tradition, wenn er selbstbewusst von sich sagt, dass es auf die eigene geistige Verfassung ankommt, die es dem Menschen ermöglicht, mit Gott eins zu werden.

Für Hegel, der Philosoph des Geistes, ist Geist gleichbedeutend mit Freiheit, aber auch das Organ der Anerkennung, das es ermöglicht, im anderen bei sich selbst zu sein. Von einem „geistigen Tierreich“ spricht er in seiner Phänomenologie des Geistes, und meint damit die unterste Stufe des Geistes. Diese Stufe entspricht dem modernen egoistischen Individuum, das sich selbst zur Darstellung bringen will: Zeige dich der Welt, trau dich, die Welt soll sehen, wer du bist. Auf dieser Stufe geht es einem um sich selbst. Man selbst ist der eigene Maßstab, und alles was man macht, ist wichtig. Authentisch sein ist schließlich alles. Man redet und handelt, um sich darzustellen. Bei sich sein ist gleichbedeutend mit dem was man mag, oder nicht mag. Ob eine Sache an sich gut ist, versteht man gar nicht mehr.

Auf der nächsten Stufe erkennt man die Interessen des anderen als die eigenen, der Geist ist im anderen bei sich selbst. Man denkt über sich hinaus, sieht sich nicht nur als Produkt der Verhältnisse, ist fähig sich auf Moral und Gott zu beziehen.

Geist ist demnach Bewusstwerdung. Je größer die Bewusstseinstrübung, umso eher unterliegt der Mensch der Egomanie.

Sloterdijk hat den geistlosen Menschen einen Menschen mit einer fehlenden Vertikalspannung erklärt, der nur noch seine eigene Natur kennt, und nichts mehr von einem Menschen ahnt, der sein Bestes, seinen Leitstern, eben seinen Geist verwirklichen möchte.    

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