Sokrates – der, mit dem es anfing

May 2012

Natürlich gab es vor Sokrates schon Philosophen. Doch die Philosophie nahm mit Sokrates einen neuen Anfang. Am Anfang der Philosophie steht kein Gedankengebäude, kein System, kein Wissen, sondern eine Erschütterung, die eine nachhaltige Wirkung auf andere ausgeübt hat. Sokrates war ein Ereignis, das eine verändernde Wirkung auslöste.

Für Karl Jaspers gehört Sokrates, gemeinsam mit Buddha, Konfuzius und Jesus, zu den vier maßgebenden Menschen, die um das Jahr 500 v.Chr. eine neue Achse der Weltgeschichte bildeten: „In dieser Zeit drängt sich Außerordentliches zusammen (die chinesische Philosophie mit Konfuzius und Laotse, die indische Philosophie mit den Upanischaden, Zarathustra im Iran, die Propheten des alten Testaments in Palästina, der Beginn des Judentums mit der babylonischen Gefangenschaft, Homer, Parmenides, Heraklit und Archimedes in Griechenland), ohne das die entstehenden Philosophien und Hochreligionen voneinander wussten“. In China, Indien, Vorderasien und im Abendland beginnt der Mensch über sich selbst nachzudenken und sich seiner Grenzen und Ohnmacht bewusst zu werden. Der Mensch wird sich selbst zum Problem. Damit ist das Fundament für die Hochreligionen und für die Philosophie gelegt.

Die von Jaspers genannten vier maßgebenden Menschen haben das Menschsein durch ihr Dasein und Wirken wie kein anderer bestimmt. Sie haben eine fortdauernde Wirkung bis zum heutigen Tag. Sie tragen das Kennzeichen von Größe, weil sie in ihrer Zeit und gleichzeitig über der Zeit stehen. Damit bleiben sie gegenwärtig. Mit ihrer Größe wird man nie fertig. Sie verkörpern einen Sprung in der Geschichte, einen neuen Anfang, der nicht gänzlich aus dem Vorhergehenden abgeleitet werden kann.

Die Philosophie beginnt mit Sokrates nicht mit einer Philosophie, sondern mit einem Philosophen. Seine Lehre war primär seine Person. Gernot Böhme bezeichnete ihn als „anthropologische Innovation“. Sokrates verkörpert wie niemand sonst den praktischen Philosophen, weil er erkannte, das alle theoretischen Diskurse nichts sind im Vergleich mit dem konkreten Leben. Er war ein Philo-soph im wahrsten Sinne des Wortes, weil er die Weisheit liebte. Seine hoffnungsvolle Botschaft lautete: Der Mensch kann ein anderer werden, denn so wie der Mensch jetzt ist, das kann nicht der Sinn der Weltgeschichte sein. Philosophie heißt für Sokrates: Sein Leben zu führen. Die Geburtsstunde der Philosophie beginnt mit einer Verunsicherung, einem Zweifel am Gewohnten. Philosophie als Unruhestifterin, gegen die braven und satten Bürger und Herdenmenschen. Für die geistige Selbständigkeit. Sokrates war ein Weckdienst, er rüttelte die Menschen durch eine „respektvolle Überforderung“ (Sloterdijk) auf. Er erregte Kopf und Herz gleichzeitig, weil die Vernunft, das Argumentieren und das selbstbestimmte Denken bei ihm genauso ausgebildet waren, wie sein Gewissen, seine Intuition, sein Vertrauen und sein Glaube. Sein Auftrag sah er darin, die Menschen zur Arbeit an sich selbst (Sorge um die Seele) aufzurufen. Für Sokrates war der Mensch nur insofern Seele, als er nicht gelebt wird, sondern selber lebt. Für ihn kam es nicht darauf an, ob es jemanden gut ging, sondern ob er gut ist.

Ein entscheidender Satz der Apologie lautet: „Ihr könnt mich töten, aber schaden könnt ihr mir nicht“. Es ist nämlich gegen die Ordnung, das dem Besseren vom Schlechten Schaden zugefügt werden kann“. Ein sokratischer Trost ist die Aussage: „Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht leiden“. Diese Haltung ist sein Sokrates in der Welt. Von dieser Haltung zehren alle WiderstandskämpferInnen.

Sokrates ist aufrecht in den Tod gegangen. Er zog den Tod vor, anstatt Unwahrhaftig zu werden. Damit begründete er eine Form der Wahrhaftigkeit, die den Mut erfordert, bis zum Tod seine Meinungen und Haltungen zu überprüfen. Vor sich selber Rechenschaft ablegen, wie man lebt und gelebt hat. Sein Leben so zu führen, das es Ausdruck für die eigene Wahrhaftigkeit ist. Dafür steht Sokrates: Das es wichtig ist, eine Haltung zu erwerben. In seiner Unerschrockenheit, Entschlossenheit und Standhaftigkeit, seiner Treue zu sich selbst bis in den Tod, ist er uns Vorbild. Sein vernünftiger Stolz und sein großes Selbstbewusstsein beeindrucken noch heute. Gerade in einer Zeit, in der das Konkurrieren um den Opferstatus auf der Tagesordnung steht.

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