Schopenhauer – seine Philosophie ist unverzichtbar für die Lebenspraxis

June 2012

Kierkegaard schrieb im Sommer 1854 in sein Tagebuch: „Es hat mich unsagbar belustigt, Schopenhauer zu lesen. Was er sagt ist völlig wahr und wiederum so grob, wie nur ein Deutscher sein kann. Das gönne ich den Deutschen.“

Kierkegaard charakterisiert Schopenhauer sehr treffend. Die Lektüre dieses ebenso sehr genialen Philosophen wie Schriftsteller ist vergnüglich und kompromisslos, genussvoll und schwer verdaulich gleichzeitig.

In seinem Aufsatz „Über die Universitäts-Philosophie“ fügt er den Universitätsprofessoren eine Wunde zu, indem er sie als „Katheder-Philosophen“ oder „Spaß-Philosophen“ bezeichnet. Aus einer persönlichen Kränkung (Schopenhauer wollte mit seinen Vorlesungen gegen Hegel konkurrieren und scheiterte kläglich) leitete er aber generelle Fragen über die Wahrheitsfähigkeit  bezahlter Philosophen ab. Nach Schopenhauer kann Philosophie nur unabhängig und von Individuen betrieben werden.

Schopenhauer wurde als junger Mann auf einer Bildungsreise, die er mit seinem Vater unternahm, vom Massenelend der beginnenden Industriegesellschaft beeindruckt. „Vom Jammer des Lebens ergriffen“ nahm er diesen als Ansatzpunkt seiner Philosophie: Eine Welt, die offensichtlich eine Welt des Leidens und des Schmerzes ist, zu verstehen. Seine ganze Philosophie besteht aus einem einzigen Gedanken, der in einem einzigen Hauptwerk, das er immer wieder erweitert und ergänzt, niederschreibt. Dieses Hauptwerk, „Die Welt als Wille und Vorstellung“, das 1818 erscheint, wird so gut wie gar nicht zur Kenntnis genommen. Erst 30 Jahre später ist die erste Auflage von nicht einmal 1.000 Exemplaren verkauft.

Bekannt wird Schopenhauer erst durch seine Nebenwerke, die Parerga und Paralipomena, vor allem die darin veröffentlichten „Aphorismen zur Lebensweisheit.“

Während sein Hauptwerk um den Gedanken kreist, das unser ganzes Dasein nur Leiden bedeutet, und unser Leben etwas sei, das besser gar nicht wäre, entwickelt er in den Aphorismen seine „Philosophie für die Welt“ (Safranski). Er musste einsehen, dass es immer nur wenige Weltüberwinder geben würde. Die Mehrzahl der Menschen braucht eine Anleitung zum gelungenen Leben. Statt Weltüberwindung und Weltverneinung oder Entsagung geht es in den Aphorismen darum, welches Glück in dieser Welt möglich ist. Es geht nicht mehr darum, der Welt zu entfliehen, sondern sich klug und weise in ihr zu verhalten. Das heißt für Schopenhauer nicht, dem Glück nachzujagen, sondern Unglück zu vermeiden.

Aber man muss diese so erfolgreichen Aphorismen im Zusammenhang mit seinem Hauptwerk sehen. Erst wer begriffen hat, das die Welt ein „Tummelplatz geängstigter Wesen“ ist, Leben auch Leiden bedeutet, und wer erfahren hat, das mit der Erkenntnis die Schmerzempfindung wächst, erst derjenige wird den Wert von Lebensweisheiten schätzen lernen. Für Schopenhauer macht die Größe des Menschen aus, wenn ihm das Dasein zur allgemeinen Frage und zum Rätsel geworden ist. Wer sich nur zufrieden in der Welt tummelt und sein einziges Problem darin sieht, sich in ihr zu bewähren, wird für eine Lebensführung und der Notwendigkeit, sein Leben zu meistern, kein Verständnis aufbringen.

Die ersten, die Schopenhauer begriffen und verehrten waren Künstler wie Richard Wagner, Thomas Mann oder Tolstoi. Sie verstanden, dass ihre Kunst eine Möglichkeit war, sich vom Willen zum Leben, der immer wieder das Leiden gebiert, zumindest zeitweise zu befreien. Aber erst die Aufklärung über das Leben als Leidensgeschichte, der Durchschauung und Überwindung des Egoismus (principium individuationis), das Aufgeben des ständigen Wollens, kann Friede, Ruhe und eine Befreiung bringen. Weltüberwindung statt Welteroberung lautet daher die Kernthese Schopenhauers. Um aber sein Leben gut zu meistern, braucht es vor allem eines: Persönlichkeit. Dies ist für ihn das „Erste und Wesentlichste“, das uns niemand entreißen kann.

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