Der Philosophische Praktiker – Spezialist fürs Nichtspezielle

January 2013

In der modernen Welt sind die Spezialisten unverzichtbar geworden. Es gibt einen Fachmann, eine Fachfrau für jedes Problem. Andererseits nimmt das gesicherte Wissen ab, und zunehmend sind Spezialisten überfordert. Spezialisten können das Ganze nicht in den Blick nehmen, sind Teil des Problems das sie lösen wollen. Sie glauben an die Machbarkeit, Methodisierbarkeit und Technisierbarkeit.

Im Umgang mit Menschen sind die Spezialisten professionelle Versteher, die ihre Profession mit einer bestimmten Weise des Verstehens oder Erklärens ausüben. Oft ist dabei der Mensch nicht vorhanden, weil der Spezialist selbst neutral im Umgang bleibt, oder Menschen als Objekte angesehen und beschrieben werden.

Der Philosophische Praktiker hingegen hat sich mit differenten Weisen des Verstehens eingehend vertraut gemacht. Form und Art des Denkens haben sich für ihn vervielfacht, und im besten Fall bringt er die unterschiedlichen Positionen miteinander ins Gespräch. Er weiß, dass der Mensch immer beteiligt ist, Objektivismus oder Neutralität erscheinen ihm als Illusion. Das Verstehen, so seine Erfahrung, kommt erst aus einer Beziehung, die von Respekt geprägt ist.

Entgegen dem Spezialisten stellt er die zentralen Orientierungsfragen, hinterfragt die Lebensweise insgesamt, scheut auch das Nicht-Verstehen nicht. Er weiß, dass es immer wieder darauf ankommt, mit Widersprüchen leben zu lernen, und das Unabänderliche anzunehmen. Er sieht sich als Mensch, und nicht als Spezialist oder Fachmann, für Menschen zuständig.

Da er sich als Mensch einbringt, stellt er sich die Frage, wie er im besten Falle sein müsste, um dem Gast eine Stütze sein zu können. Er hält sich dabei an die folgenden Worte von Schopenhauer:

 „Denn Andere nähren kann man nicht mit unverdauten Abgängen, sondern nur mit der Milch, die aus dem eigenen Blute sich angesondert hat.“

Er stellt sich die Frage, wie er selbst denken muss, damit er Andersdenkende versteht. Er denkt unzeitgemäß, um den Zeitgeist besser verstehen zu können. Er weiß, dass Einzelfälle immer wieder eine Theorie, ein Regelwerk, eine Methode erschüttern können. Deshalb behandelt er nicht auf universelle Art, was individuell behandelt gehört. Er versteht den Menschen, der sich ihm anvertraut, als den besondern und einzigartigen, als diesen einen, der er ist. Er vermeidet Interpretationen, indem er nicht mit der eigenen Welt den anderen verstehen möchte, sondern sein Anspruch ist, den anderen mit sich selbst zu verstehen. Er ist bereit, sich an den anderen zu verlieren, und sich darüber doch zugleich nicht selber zu vergessen, sich eben nicht in vornehmer Distanz zu halten, und den anderen dadurch zum Objekt zu machen. Er geht mit dem Gast in seine Lebensgeschichte hinein. Rousseau ist ihm dabei ein Gewährsmann:

„Jedenfalls gibt es keinen schlechteren Weg, in den Herzen anderer zu lesen, als den Versuch, seines dabei geschlossen zu halten.“

Er will den Gast nicht verändern, weil er weiß, das dieser kein Werkstück ist, das geformt werden soll, sondern macht ihn mit seiner Art, sein Leben zu führen bekannt, und bringt andere Sichtweisen ins Spiel. Nichts verändert die eigene Sichtweise so verlässlich, wie die Aufmerksamkeit auf ein Detail der Lebensgeschichte und der Zugewinn an Perspektive. Auf Augenhöhe mit seinem Gast leitet ihn das uneingeschränkte Interesse und die grenzenlose Aufmerksamkeit. Probleme nicht loswerden, sondern sie fruchtbar machen, ist sein Ansinnen. Experten und Fachleute lösen Probleme, er bewahrt sie.

Der Philosophische Praktiker beginnt dort seine Arbeit, wo man mit dem Alltagswissen und dem Expertenwissen nicht mehr weiterkommt. Er ist der Spezialist fürs Nichtspezielle, also für das Allgemeinmenschliche.

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