Kann das gute Leben definiert werden?

February 2014

„Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug“ (Epikur)

John Maynard Keynes (1883-1946), einflussreichster Ökonom des 20. Jahrhunderts, hielt 1928 vor Studenten in Cambridge einen Vortrag mit dem Titel „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder.“ Dieser Aufsatz wurde praktisch völlig ignoriert, er enthält aber eine Prophezeiung, die uns heutige Menschen interessieren sollte. Keynes glaubte, das in hundert Jahren (also fast heute) unsere notwendigen Bedürfnisse mit einem minimalen Arbeitsaufwand befriedigt werden können, und wir fähig werden, in der verbliebenen Zeit weise, angenehm und gut  zu leben. Dabei ging Keynes von der Vorstellung aus, dass unsere Bedürfnisse endlich sind, und die Menschen sich entscheiden, dass sie nicht mehr wollen, als sie brauchen. 

Nun hat der Kapitalismus mit seinen Produktionsmethoden es zwar geschafft, ein Fülle von Gütern bereitzustellen, aber die Menschen sind entweder gezwungen, Vollzeit zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, oder sie tun es, weil sie immer mehr haben wollen. Keynes Prophezeiung hat sich nicht erfüllt. Arbeit, Konsum und die politische Vorgabe eines „notwendigen“ Wachstums führen von dem, was ein gutes Leben ausmachen könnte, weg. Der Druck zu arbeiten oder die Unersättlichkeit, der Mitläufereffekt, Snobismus, oder die Vorstellung, immer mehr haben zu wollen, sind einem guten Leben abträglich.

Bleiben wir einen Moment bei der Unersättlichkeit. Die Neigung dazu wird sowohl von Politik und Wirtschaft angetrieben, als auch neigt der einzelne dazu. Das die Moderne aus diesem Dilemma nicht herausfindet und auf ein „weiter so“ beharrt, heißt, das die Wissenschaft und der heutige Zeitgeist den eigenen Geist nicht mehr versteht. Um zu verstehen, müssen wir einen Blick zurück tun, und die alten Philosophen zum Vorschein kommen lassen. Zum Beispiel zu Aristoteles. Damals war die Ökonomie mit praktischer Moral verbunden. Das gute Leben war eine Frage der Ethik und Aristoteles war der Ansicht, es ließe sich verbindlich sagen, was ein gutes Leben ist. Dass eineLebensführung besser ist als eine andere, unabhängig davon, was meine individuellen Vorlieben sind. Nach Aristoteles gibt es also Kriterien für das gute Leben. Übrigens Kriterien, die sich auch in allen anderen Weisheitskulturen finden. Grundsätzlich kann man sagen, dass wir nicht schon dann ein gutes Leben haben, wenn es uns gut geht, sondern unser Leben ist gut, sofern wir gut sind. Es geht also um nichts Geringeres als um eine moralische Erneuerung des Menschen. Was könnten nun die Kriterien  für ein gutes Leben sein? Bleiben wir bei den Kriterien, die alle antiken Philosophen und später christliche Philosophen anführten: Umgang mit Unglück, Leid, Ungerechtigkeit, keine Vergötterung des Geldes, Freundschaft, Respekt, Sicherheit, liebevolle Beziehungen, Gemeinschaft, Harmonie mit der Natur, Muße…Diese und andere Kriterien braucht es für ein gutes Leben. Jeder Mensch wird dem wahrscheinlich zustimmen. Obwohl wir das wissen, leben wir aber oft so, als ob sich diese Dinge von selbst ergeben. Unser Lebensstil, ob selbst gewählt oder aufgezwungen, führt uns von einem guten Leben geradezu weg. Warum ist das so? Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Vorherrschaft eines ungezügelten Individualismus, ein liberaler Kapitalismus, und die verbreitete Meinung, jeder glaubt schon zu wissen, was ein gutes Leben ist. Aber ein gutes Leben kann nicht subjektiv sein, es muss von anderen geteilt werden. Wir können uns den Verzicht einer kollektiven Vision eines guten Lebens nicht mehr leisten. Wofür wir arbeiten und wie viel wir konsumieren muss in einer gemeinsamen Vorstellung vom guten Leben eingebettet werden.

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