Wie wir es mit der Wahrheit halten/hielten - Über Wahrheitsmetaphern

September 2019

Wie wir es mit der Wahrheit hielten/halten –

Über Wahrheitsmetaphern

 

Wir seien zur Wahrheit fähig. Kann man diese Haltung noch vertreten? Die berühmteste Version zur Wahrheitsfrage ist die Szene, in der Pilatus dem Jesus von Nazareth die Frage gestellt hat: Was ist Wahrheit? Für jenen Menschensohn ist die Wahrheit bei Gott. Die Streichung Gottes hatte für die Wahrheitsfrage gewaltige Folgen. Hans Blumenberg dazu: „Die Wahrheit der Erkenntnis beruht nicht mehr darauf, dass sie Gott geschaffen hat, sondern darauf, dass es der Mensch schaffen könnte. Die wissenschaftliche Erkenntnis ist entwerfend, nicht vernehmend. Die Natur antwortet auf unsere Hypothesen.“

Aber beginnen wir schlichter. Der heilig gesprochene Philosoph Thomas von Aquin prägte die Wahrheitsformel: „Die Wahrheit sei die Entsprechung der Sachen und des Wissens davon.“ Aber damit ist für die Wahrheit wenig erreicht. Wer stimmt denn mit wem und womit überein? Könnte der erkannte Sachverhalt nicht auch etwas mit unserem Intellekt zu tun haben, also die Sache habe dem Intellekt zu entsprechen.

Ist die Sache selbst wahr? Entspricht die Realität der Wahrheit? Wie soll man die Wahrheit verstehen? Soll das Denken dem Sein gerecht werden, oder soll das Sein dem Denken gerecht werden? Oder modern gesprochen: Haben die Dinge so zu sein, wie wir sie haben wollen? Es kann also keine wahre Theorie der Wahrheit geben. Hans Blumenberg hat erkannt, dass man mit Begriffen in der Wahrheitsfrage nicht weiterkommt. Er stützt sich auf Nietzsche, für den nur „definierbar ist, was keine Geschichte hat, denn „Definitionen sind die Ruhestätten des Geistes, er geht über solche Gräber vorwärts.“

Die Wahrheit hat also eine lange Geschichte. Descartes, der behauptete, „wahr sei alles, was ich ganz klar und deutlich einsehe“, antwortete Leibnitz: „Leider erscheine dem leichtfertig Urteilenden alles klar und deutlich, was in Wahrheit dunkel und verworren ist.“ Und Peter Sloterdijk dämpft den Wahrheitsoptimismus unserer Zeit mit den Worten: „Seit der Aufklärung liege die Welt im Neonlicht der Labore.“

Was daraus folgt: Es gibt keine einhellige Wahrheit und die Definition, was unter Wahrheit zu verstehen sei, unterliegt einer geschichtlichen Wandlung.

In der Antike hatte die Natur den Wahrheitsvorrang vor dem Hergestellten. Wahr war das, was der Natur gerecht war. Wahrheit war das, was einleuchtet. Was ist, zeigt sich im Licht der Wahrheit. Für Platon war Sein und Wahrheit eins und Wahrheit ist das Gute und Schöne. Berühmt wurde sein Höhlengleichnis, wo die Dinge im Lichte der Wahrheit erscheinen, wenn sie richtig beleuchtet sind. Diese Idee kommt der Aufklärung schon sehr nahe.

Für das Mittelalter ist die Natur wahr, weil sie Schöpfung Gottes ist. Die Wahrheit war also von Gott gemacht. Wahr ist die Natur, wenn wir sie so sehen, wie Gott sie gemeint hat. Während sich für die Antike die Wahrheit als Selbstdarbietung des Seienden gezeigt hat, das Mittelalter die Welt so sehen wollte, wie Gott sie gemeint hatte, bekommt in der Neuzeit die Erkenntnis den Charakter der Arbeit. Die Wahrheit geht jetzt vom menschlichen Geist aus. Was sich selbst darbietet, wird verdächtig.

Blumenberg: „Die Wahrheit zeigt sich nicht, sie muss gezeigt werden.“ Das Gegebene muss beleuchtet werden, es besteht nicht mehr von sich aus. Für die entsprechende Beleuchtung wurden die verschiedensten wissenschaftlichen Methoden entwickelt.

Aber nicht nur die Wissenschaft versucht Wahrheiten herauszufinden. Ein anderer Wahrheitsbegriff ist der metaphorische Wahrheitsbegriff. Blumenberg dazu: „Metaphern antworten auf eine ganz andere Form des Fragens als die strenge Wissenschaft, nämlich auf die vermeintlich naiven, prinzipiell unbeantwortbaren Fragen, deren Relevanz ganz einfach darin liegt, dass sie nicht eliminierbar sind.“

Wir werden gewisse Fragen nicht los, die aber lebenspraktische Bedeutung haben. Auf diese Fragen müssen wir mit provisorischer Erkenntnis antworten. Sie gibt uns Orientierung und Handlungsfähigkeit. Sie zeigt uns, was wir tun sollen, auch wenn keine Eindeutigkeit gegeben ist. In Lebensfragen sind wir praktisch immer provisorisch unterwegs. Metaphern geben unserer Welt Struktur. Wir bedürfen ihrer.

Sie zeigen aber auch die Grenzen der Begrifflichkeit auf. Begriffe bemühen nur den Verstand, nicht unser Gefühl, unser Gemüt oder unsere Seele.

Unsere Lebenswahrheiten bilden wir mit Metaphern, Bildern und Geschichten. Begriffe und methodisches Instrumentarium stellen allzu oft eine Falle dar, man fällt auf sie herein. Man glaubt, verstanden zu haben. In Lebensfragen geht es nicht zweckrational zu. Wer bestimmt beispielsweise, was eine wahre und gute Ehe ist? Oder was wahre Freundschaft ausmacht? Das können nur die Beteiligten im Zusammenhang mit dem Erlebten und Erfahrenen für sich beantworten.

Der Mensch hat eine (Lebens) Geschichte, die bei Entscheidungen berücksichtigt werden muss. Die Philosophische Praxis bemüht sich im Gespräch um eine solche lebenspraktische Deutung. Saubere Definitionen haben noch niemandem in lebensentscheidenden Situationen geholfen.

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